
Buchrezension
David W. Bercot, Will the Real Heretics Please Stand Up: A New Look at Today’s Evangelical Church in the Light of Early Christianity, Tyler, Texas: Scroll Publishing 1989.
Dieses Buch (auf Deutsch erschienen unter Zurück zum Start: Was die frühen Christen uns zu sagen hätten) ist eine ebenso leicht zugängliche wie theologisch herausfordernde Einladung, eigene evangelikale Praktiken konsequent im Licht der vorkonstantinischen Kirche zu prüfen. Bercot führt seine Leser zurück ans Ende des 1. Jh. n. Chr. und in die Zeit vom 2. bis zum 4. Jh. n. Chr. hinein, um aufzuzeigen, was Christen damals glaubten und wie sie lebten – und wie weit sich viele moderne Formen des Evangelikalismus davon entfernt haben. Das Buch konzentriert sich bewusst auf vornicänische Väter und zeichnet ein eindrückliches Bild einer Kirche, die in Theologie, Hingabe und Lebenspraxis erstaunlich einheitlich erscheint. Stilistisch überzeugt das Werk durch einen freien, gut verständlichen Sprachstil, der ausdrücklich für „normale“ Gemeindeglieder gedacht ist und gerade deshalb geistlich umso mehr „unter die Haut“ geht. Es ist deutlich spürbar, dass Bercot keine akademische Spezialstudie schreiben will, sondern einen geistlichen Weckruf, der informiert und zugleich ins Gewissen redet.
Im Kern ist das Buch eine liebevolle, jedoch auch unnachgiebige Kritik an der heutigen evangelikalen bzw. protestantischen Denominationslandschaft. Bercot zeichnet zunächst Glaubensüberzeugungen und Alltagspraktiken der frühen Christen nach (ihr Verständnis von Heiligung, Liebe, Gemeindezucht, Staatsnähe und -ferne, Gewaltfreiheit und ihren Umgang mit Besitz und Wohlstand) und hält diese dann wie einen Spiegel vor die heutige evangelikale Szene. So entsteht das eindrucksvolle Bild zweier Kirchen – einer alten, einmütig geprägten Kirche mit klarer Christusorientierung und einer modernen, stark fragmentierten und vielfach verweltlichten Kirche. Obschon das Buch auf einer breiten Rezeption frühkirchlicher Quellen beruht, ist es kein „trockenes“ Geschichtswerk, sondern ein fresh, creative look auf aktuelle Probleme der Kirche und mögliche Wege einer geistlichen Erneuerung. Viele Leser berichten, dass dieses Buch ihre geistliche Biografie nachhaltig geprägt hat: Es wird als eine fesselnde Reise in die frühe Christenheit erlebt, die nicht nur informiert, sondern zutiefst zu Umkehr, Neuorientierung und konsequenter Nachfolge ruft.
Adressaten sind dabei insbesondere evangelikale Pastoren und Gemeindeleiter, die in Bercots Analysen einen schonungslosen, jedoch konstruktiven Spiegel für in ihrem Setting gängige Gemeindestrukturen und Lehrtraditionen finden. Ebenso bietet es Theologiestudenten und Bibelschülern einen kompakten Einstieg in die Frage, was „biblisch“ bedeutet, wenn man frühkirchliche Auslegungen ernst nimmt, und lädt engagierte Laien und Suchende ein, die Einfachheit, Radikalität und Schönheit des frühkirchlichen Christentums neu zu entdecken. Gerade die Kombination aus verständlicher Darstellung, solider Rückbindung an die frühe Kirche und prophetischer Schärfe macht das Buch zu einer klaren Leseempfehlung für alle, die ernsthaft wissen möchten, wie viel Urkirche in ihrer heutigen Kirche noch steckt – und die bereit sind, sich von dieser Frage verändern zu lassen.
Das Buch ist (1) gut lesbarer und ein theologisch scharfer Weckruf im Licht der frühen Kirche; (2) ein starker Spiegel für moderne evangelikale Strukturen und Denkmuster; (3) empfehlenswert für Leiter, Studenten und interessierte Gemeindeglieder, die sich ehrlichen Herzens der Herausforderung durch die vornicänische Kirche stellen möchten.
Über den Autor

David W. Bercot (* 1950) ist ein US‑amerikanischer Kirchenhistoriker, Rechtsanwalt, Autor und internationaler Vortragsredner, der insbesondere für seine Darstellungen der vornicänischen Kirche bekannt geworden ist.
Bercot wuchs in einer Familie der „Zeugen Jehovas“ auf und stieg dort bis in Leitungsfunktionen auf, verließ diese Gemeinschaft jedoch mit etwa 26 Jahren, weil er einen unüberbrückbaren Widerspruch zwischen der Bibel und der Lehre der Wachtturmgesellschaft sah, was ihn in eine tiefere Suche nach dem historischen christlichen Glauben führte.
Akademisch schlug Bercot zunächst den Weg des Juristen ein: Er erwarb seinen Bachelor‑Abschluss an der Stephen F. Austin State University (summa cum laude) und anschließend den Doctor of Jurisprudence an der Baylor University School of Law (cum laude). Später studierte er Theologie an der University of Cambridge und wurde zum anglikanischen Priester ordiniert, wandte sich in der Folge jedoch konservativen Täuferkreisen zu, in denen er die Glaubenspraxis der frühen Christen am ehesten verwirklicht sah.
Seit Mitte der 1980er‑Jahre widmet sich Bercot intensiv dem Studium frühchristlicher Autoren vor dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.), was sein theologisches Denken nachhaltig geprägt hat. Aus diesen Studien ging 1989 sein oben rezensiertes und bekanntestes Buch hervor, in welchem er Lehre und Lebenspraxis der frühen Christen darstellt und sie mit der heutigen insbesondere evangelikalen Christenheit kontrastiert. Im selben Jahr gründete er gemeinsam mit einem pfingstlichen Pastor die Scroll Publishing Company, um Schriften der vornicänischen Kirche und weitere christliche Literatur einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Neben diesem Buch veröffentlichte Bercot unter anderem weitere Werke (A Dictionary of Early Christian Beliefs [1998]; The Kingdom That Turned the World Upside Down [2003]; Will the Theologians Please Sit Down [2009]). Charakteristisch für seine Veröffentlichungen ist die Betonung der Schlichtheit der neutestamentlichen Lehre und der Nachfolgeethik der frühen Christen, insbesondere Gewaltlosigkeit, Feindesliebe, radikale Jüngerschaft und praktische Heiligung, die er in deutlichem Kontrast zu einer aus seiner Sicht überkomplexen, scholastisch geprägten späteren Dogmatik sieht.
Bercot ist (bzw. war über Jahre hinweg) Mitglied der North American Patristics Society und gilt besonders in täuferisch‑freikirchlichen Zusammenhängen als ein populärer Vermittler patristischer Theologie. Er lebt mit seiner Familie im US‑Bundesstaat Pennsylvania, betreibt weiterhin Scroll Publishing, schreibt, lehrt und hält Vorträge zur Alten Kirche und zu praktischer christlicher Jüngerschaft.