„Da aber die Kraft des Logos die Fähigkeit an sich hat, das vorauszusehen, was in Zukunft nicht durch das Fatum, sondern durch die freie Entschließung der Wählenden geschehen werde, so sagte er den Verlauf der kommenden Ereignisse voraus […]“
Fatalismus
Mehrere Apologeten der frühen Kirche setzten sich kritisch mit Vorstellungen eines fatalistischen Determinismus auseinander, wie er von verschiedenen griechischen Philosophen und gnostischen Sekten vertreten wurde, und legten dar, warum gemäß ihrer Weltsicht Gottes Vorherwissen und der freie Wille (und somit die Handlungsverantwortung) des Menschen miteinander kompatibel waren.
Eine fatalistische These war nämlich, dass (wenn Gott vorherwisse, wie ein Mensch in Zukunft handeln wird, und Gott hinsichtlich dessen, was künftig geschehen wird, nicht falsch liegen könne, eine Vorhersage von ihm also unfehlbar sei) die künftigen Handlungen eines Menschen unausweichlich festgelegt seien; echte Freiheit sei damit lediglich scheinbar, denn man könne schließlich nicht anders handeln als von Gott vorhergewusst.
Frühchristlichen Apologeten zufolge basierte diese Argumentation auf einem Kategorienfehler – die Fatalisten hätten zwei Arten von Notwendigkeit miteinander vermischt: (1) die der Vergangenheit und (2) die der Zukunft. Vertreter des Fatalismus behaupteten, Gottes Vorherwissen lege die Zukunft ebenso unveränderlich fest, wie die Vergangenheit unveränderlich ist. Die Antwort der Kirche war, dass Gottes Wissen hinsichtlich der Zukunft zwar in der Vergangenheit liege, jedoch auf freien Entscheidungen in der Zukunft beruhe – würden Entscheidungen von Menschen anders ausfallen, wäre auch Gottes Vorherwissen entsprechend anders. Das Vorherwissen beschreibe künftige Handlungen von Menschen, determiniere diese jedoch nicht.
Mit anderen Worten: Eine wahre Aussage über die Zukunft („Es wird geschehen!“) mache die Zukunft nicht notwendig festgelegt („Es muss geschehen!“). Gottes Vorherwissen beschreibe, was Menschen künftig tun werden, zwinge sie jedoch nicht dazu, genau das zu tun. Die Freiheit menschlicher Entscheidungen bleibe erhalten. Unfehlbares Wissen hinsichtlich der Zukunft sei somit mit echter Wahlmöglichkeit kompatibel. Gottes Vorherwissen mache Handlungen gewiss, doch seien die Handelnden in ihrem Handeln frei, denn das Vorherwissen basiere auf in Freiheit getroffenen künftigen Entscheidungen – nicht umgekehrt.
Erste Apologie (Kap. 43)
abgefasst um 160 n. Chr. von Justin der Märtyrer„Damit aber niemand aus dem vorher von uns Gesagten den Schluß ziehe, wir behaupten, daß das, was geschieht, nach der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe, weil wir ja vorhin bemerkten, es sei vorhergewußt, so wollen wir auch diese Schwierigkeit lösen. Daß die Strafen und Züchtigungen wie auch die Belohnungen nach dem Werte der Handlungen eines jeden zugeteilt werden, darüber sind wir von den Propheten belehrt worden und verkünden es als wahr. Wenn das nicht der Fall wäre, sondern alles nach einem Verhängnisse geschähe, so gäbe es gar keine Verantwortlichkeit; denn wenn es vom Schicksale bestimmt ist, daß dieser gut und jener schlecht ist, so ist der eine so wenig zu loben als der andere zu tadeln. Und wiederum: Wenn das Menschengeschlecht nicht das Vermögen hat, aus freier Wahl das Schändliche zu fliehen und sich für das Gute zu entscheiden, so ist es unschuldig an allem, was es tut.“
Zweite Apologie (Kap. 6 [7])
abgefasst um 160 n. Chr. von Justin der Märtyrer„Aber ebensowenig glauben wir, daß die Menschen nach einem Verhängnisse handeln oder leiden, was ihnen begegnet, sondern vielmehr, daß jeder nach freier Wahl recht oder unrecht tut […]. Aber weil Gott das Geschlecht der Engel und das der Menschen ursprünglich frei erschaffen hat, werden sie mit Recht für ihre Vergehungen in ewigem Feuer gestraft werden.“
Dialog mit dem Juden Tryphon (Kap. 140,4)
abgefasst um 160 n. Chr. von Justin der MärtyrerDialog Octavius (Kap. 36,1–2)
abgefasst um 200 n. Chr. von Minucius Felix„Suche sich niemand mit einem Verhängnis zu trösten oder sein Endschicksal zu entschuldigen. […] [2] Was ist denn das Verhängnis anderes, als was Gott über einen jeden von uns bestimmt hat. Da er unseren Charakter zum voraus kennt, bestimmt er entsprechend den Verdiensten und Eigenschaften der einzelnen auch ihre Geschicke. So wird an uns nicht unser angeborenes Naturell bestraft, sondern unsere Geistesrichtung.“
Apostolische Konstitutionen VI 6
abgefasst um 390 n. Chr. von Unbekannt„Auch das jüdische Volk hatte verderbliche Sekten, nämlich die Sadducäer, welche die Auferstehung nicht glauben, und die Pharisäer, welche dem Zufall und Schicksal die Handlungen der Sünder zuschreiben […]“