„Uns Christen dient der Glaube als Schutzwehr, wofern er nicht selbst etwa durch Mangel an Vertrauen erschüttert ist, sofort das Kreuzzeichen zu machen […]. Auf diese Weise haben wir sogar Heiden oft Hilfe gebracht, von Gott mit jener Macht begabt, deren sich der Apostel zuerst bediente, als er den Biß der Viper verachtete [Apg 28,3].“
Kreuzzeichen
Das Kreuzzeichen gehört zu den ältesten und eindrucksvollsten Ausdrucksformen christlicher Frömmigkeit. Bereits in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten entwickelte es sich zu einem sichtbaren Bekenntnis des Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Während das Kreuz im Römischen Reich ursprünglich als Symbol der Schande und Hinrichtung galt, erhielt es durch den Tod Jesu Christi eine völlig neue Bedeutung. Für die Christen wurde es zum Zeichen des Heils, des Sieges über Sünde und Tod sowie der Zugehörigkeit zu Christus.
Die frühesten literarischen Zeugnisse für das Kreuzzeichen stammen aus dem späten 2. und frühen 3. Jh. Besonders bekannt ist das Zeugnis des nordafrikanischen Kirchenvaters Tertullian. Er berichtet, dass Christen bei nahezu allen wichtigen Verrichtungen des Alltags das Kreuzzeichen auf ihrer Stirn machten – beim Verlassen oder Betreten des Hauses, beim Ankleiden, vor dem Essen, dem Schlafengehen oder bei Reisen. Daraus wird deutlich, dass diese Geste bereits fest in den Alltag vieler Gläubiger integriert war und nicht allein im Gottesdienst Verwendung fand.
Das Kreuzzeichen hatte dabei mehrere Funktionen. Es war zunächst ein öffentliches und persönliches Glaubensbekenntnis. Wer sich mit dem Kreuz bezeichnete, bekannte sich bewusst zu Christus und erinnerte sich an dessen Erlösungswerk. Zugleich galt das Kreuz als Zeichen göttlichen Schutzes. Viele frühchristliche Autoren beschrieben es als geistliche Waffe gegen Versuchungen und Mächte des Bösen. Das Vertrauen richtete sich jedoch nicht auf die Geste als solche, sondern auf Christi Macht, die durch das Kreuz symbolisiert wurde.
Auch in der Taufliturgie spielte das Kreuzzeichen früh eine wichtige Rolle. Katechumenen wurden vor ihrer Taufe mit dem Kreuz bezeichnet, wodurch ihre Zugehörigkeit zu Christus sichtbar zum Ausdruck gebracht wurde. Ebenso erscheint das Zeichen in verschiedenen Segenshandlungen und liturgischen Vollzügen der Alten Kirche.
Archäologische Funde ergänzen die literarischen Quellen. Besonders verbreitet war das sogenannte Staurogramm (⳨), eine Ligatur der griechischen Buchstaben Tau (Τ) und Rho (Ρ). Dieses Zeichen findet sich bereits in frühen Handschriften des Neuen Testaments und gilt vielen Forschern als eine der ältesten bildlichen Darstellungen des gekreuzigten Christus. Es verbindet den Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes stauros für „Kreuz“ mit einer stilisierten Darstellung des Gekreuzigten.
So zeigt sich, dass das Kreuzzeichen bereits lange vor der konstantinischen Wende ein fester Bestandteil christlicher Frömmigkeit war. Es verband Theologie, Liturgie und persönliches Glaubensleben miteinander und brachte in einfacher Form zum Ausdruck, dass Christen ihr Heil allein in Jesus Christus, dem Gekreuzigten, sahen. Bis heute erinnert das Kreuzzeichen an diese frühchristliche Überzeugung und steht als sichtbares Symbol für den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn.
Vom Kranze des Soldaten (Kap. 3)
abgefasst um 211 n. Chr. von Tertullian von Karthago„Bei jedem Schritt und Tritt, bei jedem Eingehen und Ausgehen, beim Anlegen der Kleider und Schuhe, beim Waschen, Essen, Lichtanzünden, Schlafengehen, beim Niedersetzen und, welche Tätigkeit wir immer ausüben, drücken wir auf unsere Stirn das kleine Zeichen.“