„[…] wir nun [bestreben] uns […], schriftgemäß zu sprechen […]“
Prima scriptura
Mit „prima scriptura“ wird ein Prinzip bezeichnet, dem zufolge die heiligen Texte des Alten und des Neuen Testaments das erste, jedoch nicht einziges „Standbein“ theologischer Erkenntnis und kirchlicher Lehre sind. Dieses Prinzip betont die Schrift als normativ oder vorrangig („prima“): Vorgetragene Lehren, gemeindliche Praxis und Spiritualität etwa sollen sich zuerst an ihr messen lassen; andere Quellen (wie kirchliche Traditionen, persönliche Erfahrungen oder auch naturwissenschaftliche Theorien) sind der Schrift nachgeordnet, dürfen jedoch grundsätzlich „mitreden“.
Damit ist „prima scriptura“ im Grunde das, was im reformatorischen Kontext mit „sola scriptura“ (also „allein die Schrift“) gemeint war: „Sola scriptura“ war nicht als Antwort auf die Frage gedacht, was in der Kirche Autorität besitze, sondern als Antwort auf die Frage, was in der Kirche vorrangige oder höchste Autorität besitze. Die Schrift allein besitzt, so die Vorstellung, vorrangige und damit höchste Autorität – ihre verantwortungsbewusste Auslegung geschieht jedoch in einem Diskurs auch mit außerbiblischer, insbesondere altkirchlicher Überlieferung und der Vernunft, die den Menschen zum „Bild Gottes“ (Gen 1,27) macht und ihn zu reflektiertem Denken und Handeln befähigt.
In einigen Kreisen wird der Terminus „sola scriptura“ zwar verwendet, jedoch nicht in seinem historischen Sinn, sondern eher i. S. v. „solo scriptura“ – was bedeutet, dass die Schrift nicht allein höchste, sondern einzige Autorität überhaupt sei. Im Unterschied zu einer solchen rigiden Konzeption gesteht „prima scriptura“ altkirchlichen Überlieferungen etwa eine positive, wenngleich sekundäre hermeneutische Rolle zu.
Der Grundgedanke bei „prima scriptura“ ist also: Die Schrift bleibt Kanon und Kriterium, doch ihre Interpretation geschieht bewusst im „Gespräch“ mit dem „Lebensvollzug“ besonders der frühen Kirche (in deren Kontext ja auch die neutestamentlichen Schriften entstanden sind) und deren historischen Positionierungen, insofern diese sich ermitteln lassen.
Hermeneutisch führt „prima scriptura“ also zu einem Modell „abgestufter“ Autorität: Die Schrift prüft und ordnet alle anderen Stimmen, wird jedoch ihrerseits auch im Licht geschichtlichen Kontextes und gemeinschaftlicher Auslegung gelesen. (Altkirchliche Glaubensbekenntnisse etwa sollen dazu dienen, die Interpretation der Schrift vor menschlicher Willkür zu bewahren.) Damit will dieses Prinzip sowohl die kritische Kraft der Schrift als auch die Unvermeidlichkeit und den Wert außerbiblischer Einsichten ernstnehmen.
Wenn auch nicht dem Namen, so doch der Handhabung nach finden wir „prima scriptura“ im Rahmen verschiedener Auseinandersetzungen frühchristlicher Apologeten mit bestimmten Häresien oder Irrlehren: Die Apologeten argumentieren mit der Schrift als solcher und berücksichtigen dabei die (wenn bei einem Thema vorhanden) einstimmige Auslegung der Gesamtkirche, die ihr Glaubensgut von Aposteln und durch Apostelschüler empfangen hat und tradiert.
Rede an die Griechen (Kap. 35)
abgefasst um 160 n. Chr. von Justin der Märtyrer„Indem ihr den Irrtum eurer Väter aufgebt, sollt ihr die Weissagungen der heiligen Schriftsteller lesen. […] Lernt von ihnen, was euch ewiges Leben geben wird.“
Rede an die Bekenner des Griechentums (Kap. 29,3–4)
abgefasst um 160 n. Chr. von Tatian der Assyrer„Und es fügte sich, daß diese Schriften mich überzeugten durch die Schlichtheit ihres Stils, durch die Anspruchslosigkeit ihrer Verfasser, durch die wohlverständliche Darstellung der Weltschöpfung, durch die Voraussicht der Zukunft, die Ungewöhnlichkeit der Vorschriften und die Zurückführung aller Dinge auf einen Herrn: [4] sie haben meine Seele über Gott belehrt und ich verstand, daß die Griechenlehre zur Verdammnis führe, die Barbarenlehre aber die Sklaverei in der Welt aufhebe, von vielen Herren und tausend Tyrannen uns befreie […]“
An Autolykus I 14
abgefasst um 180 n. Chr. von Theophilus von Antiochia„So nimm denn auch du mit gutem Willen und ehrfurchtsvoll die prophetischen Schriften zur Hand, und sie werden dir deutlicher den Weg zeigen, wie du den ewigen Strafen entfliehen und die ewigen Güter Gottes erlangen kannst.“
Gegen die Häresien II 27,1
abgefasst um 180 n. Chr. von Irenäus von Lyon„Wer aber gesunden Verstandes und geraden, frommen und wahrheitsliebenden Herzens ist, der wird eifrig erforschen, was Gott in die Gewalt der Menschen gegeben und unserer Kenntnis unterworfen hat, und wird darin fortschreiten und durch tägliche Übung leicht zu einer Wissenschaft von diesen Dingen gelangen. Hierzu gehören die, welche uns vor Augen liegen und was offen und mit unzweideutigen Ausdrücken in den Schriften niedergelegt ist.“
Gegen die Häresien III 1,1
abgefasst um 180 n. Chr. von Irenäus von Lyon„Von keinem andern als von denen, durch welche das Evangelium an uns gelangt ist, haben wir Gottes Heilsplan gelernt. Was sie zuerst gepredigt und dann nach dem Willen Gottes uns schriftlich überliefert haben, das sollte das Fundament und die Grundsäule unseres Glaubens werden. […] Matthäus verfaßte seine Evangelienschrift bei den Hebräern in hebräischer Sprache, als Petrus und Paulus zu Rom das Evangelium verkündeten und die Kirche gründeten. Nach deren Tode zeichnete Markus, der Schüler und Dolmetscher Petri, dessen Predigt für uns auf. Ähnlich hat Lukas, der Begleiter Pauli, das von diesem verkündete Evangelium in einem Buch niedergelegt. Zuletzt gab Johannes, der Schüler des Herrn, der an seiner Brust ruhte, während seines Aufenthaltes zu Ephesus in Asien das Evangelium heraus.“
Teppiche VII 16,93
abgefasst um 195 n. Chr. von Clemens von Alexandria„Wer aber willlig ist, sich um des herrlichsten Lohnes willen abzumühen, wird nicht früher von dem Suchen nach der Wahrheit ablassen, als bis er den Beweis von der Heiligen Schrift selbst erhalten hat.“
Gegen die Häresie eines gewissen Noetus (Kap. 9)
abgefasst um 205 n. Chr. von Hippolyt von Rom„Es gibt, Brüder, einen Gott, dessen Erkenntnis wir aus den Heiligen Schriften gewinnen und aus keiner anderen Quelle. Denn so, wie ein Mensch, der in der Weisheit dieser Welt geübt sein will, dieselbe auf keine andere Weise erlangen kann als dadurch, dass er sich mit den Lehrsätzen der Philosophen vertraut macht, so werden auch wir alle, die Frömmigkeit üben wollen, ihre Ausübung von keiner anderen Seite her erlernen können als von den Weissagungen Gottes. Was also die Heiligen Schriften verkünden, auf das wollen wir schauen […]. Nicht nach unserem eigenen Willen noch nach unserem eigenen Sinn, […] sondern so, wie Er beschlossen hat, es durch die Heiligen Schriften zu lehren, so wollen wir es erkennen.“
Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft IV 1,7
abgefasst um 225 n. Chr. von Origenes„Denn wenn die abgedroschenen menschlichen Beweismittel, in die biblischen Bücher gelegt, die Menschen zu überzeugen vermocht hätten, so würde unser Glaube mit Recht als Menschenweisheit und nicht als Gotteskraft angesehen. Nun aber sieht jeder, der nur die Augen öffnen will, klar, daß die Predigt des Wortes nicht durch Ueberredungskünste der Weisen, sondern durch den Erweis von Geist und Kraft unter dem Volke durchgedrungen ist. […] Jene Weisheit aber wird uns klar aufgehen in der Offenbarung des Geheimnisses, das seit ewigen Zeiten verschwiegen blieb, nun aber geoffenbart ist durch die prophetischen Schriften und durch die Erscheinung unsers Herrn und Heilands Jesu Christi, welchem die Ehre sey in alle Ewigkeiten.“
Abhandlung über die Synoden zu Rimini in Italien und Seleucia in Isaurien (Kap. 6)
abgefasst um 360 n. Chr. von Athanasius von Alexandria„Ohne Grund laufen sie [scil. die Arianer] also umher und geben überall vor, sie hätten des Glaubens wegen die Haltung der Synoden verlangt. Denn die heilige Schrift genügt mehr, als alles Andere […]; denn die zu Nicäa Versammelten […] haben so trefflich darüber geschrieben, daß diejenigen, welche ihre Schriften mit unbefangenem Sinne lesen, durch dieselben an die Frömmigkeit gegen Christum, welche in den göttlichen Schriften verkündet wird, erinnert werden können.“
Über die Dreieinigkeit I 18
abgefasst um 360 n. Chr. von Hilarius von Poitiers„Der beste Leser nämlich ist, wer die Erkenntnis der Worte mehr von den Worten her erwartet, als sie ihnen aufprägt, und mehr annimmt als beibringt, und (sich) nicht (zu der Meinung) zwingt, daß in dem Gesagten dasjenige enthalten scheine, was er vor dem Lesen als Erkenntnisziel sich vorgesetzt hat. Da wir also über Gottes Dinge sprechen wollen, so wollen wir Gott die Erkenntnis seiner selbst zugestehen und seinen Worten in ehrfürchtiger Verehrung dienen. Denn ein für sich selbst geeigneter Zeuge ist, wer nicht anders als nur durch sich erkennbar ist.“
39. Festbrief des hl. Athanasius
abgefasst um 367 n. Chr. von Athanasius von Alexandria„Dieses sind die Quellen des Heiles, welche den Dürstenden mit ihren Worten erfüllen; in diesen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündet. Niemand darf diesen etwas beifügen, und Niemand von diesen etwas wegnehmen. In Bezug auf diese beschämte der Herr die Saducäer, mit den Worten, ‚Ihr seyd irrig daran, da ihr die Schriften nicht könnet.‘ [Mt 22,29.] Die Juden aber ermahnte er mit den Worten: ‚Forschet in den Schriften, denn sie sind es, die von mir Zeugniß geben.‘ [Joh 5,39.]“