„Diese [Parusie] tritt dann ein, wenn der Mann der Apostasie, der auch gegen den Höchsten Ungehöriges predigt, auf Erden Sündhaftes gegen uns Christen wagt, die wir von dem Gesetze und dem Worte, das aus Jerusalem durch Jesu Apostel ausging, Gottesverehrung gelernt und zu dem Gotte Jakobs und dem Gotte Israel unsere Zuflucht genommen haben.“
Antichrist
Mehrere frühchristliche Schriftsteller charakterisieren den Antichristen nahezu einmütig als eine letzte, personal verkörperte Gegenmacht zu Christus: Er erscheine kurz vor Christi Wiederkunft, verberge zunächst seine wahre Natur und gebe sich durch lügenhafte Zeichen und Wunder als eine Art Messias aus. Seine Herrschaft gilt als zeitlich streng befristet.
Irenäus (ca. 130–200) beschreibt einen Weltherrscher, der aus dem Stamm Dan komme, sich in einem wiedererrichteten Jerusalemer Tempel selbst vergöttere und mit der Zahl 666 identifiziert werde (Gegen die Häresien V 28–30); Hippolyt (ca. 170–236) ergänzt, der Antichrist erscheine zunächst in Babylon, verlege seine Residenz jedoch bald nach Jerusalem, besiege drei von zehn dann amtierenden Königen und ahme verschiedene Wunder Jesu Christi in einer perfiden Weise nach (Das Buch über Christus und den Antichrist); Tertullian (ca. 160–230) geht davon aus, dass der „Mensch der Gesetzlosigkeit“ durch die Struktur des damals bestehenden römischen Imperiums noch zurückgehalten werde; Laktanz (ca. 250–325) verweist in seinen Göttlichen Unterweisungen auf einen letzten, grausamen Herrscher syrischer Herkunft und verbindet ihn mit dem Nero-Redivivus-Mythos, während Cyrill von Jerusalem (ca. 313–387) in seiner 15. Katechese die Glaubenden ermahnt, sich durch eine solide Schriftkenntnis gegen antichristliche Täuschungen zu wappnen.
Ungeachtet einzelner Differenzen zeichnen alle diese Schriftsteller dieselbe grundlegende Dramaturgie: Der Antichrist errichte ein kurzlebiges, jedoch weltumspannendes Regime, fordere göttliche Verehrung für sich ein und verfolge kompromisslos die Kirche, wo diese sich ihm in den Weg stelle. Seine vermeintliche Allmacht ende jedoch abrupt, wenn Christus in Herrlichkeit erscheine und ihn gemäß 2. Thessalonicher 2,8 „durch den Hauch seines Mundes“ vernichte. Damit beginne die Zeit des Gerichts und (nach teils unterschiedlichen Vorstellungen) das endgültige, göttliche Friedensreich. Der Antichrist wird bei den genannten Autoren quasi zugleich als der „Kulminationspunkt“ alles Bösen einerseits und als ein untrügliches Vorzeichen der baldigen und endgültigen Durchsetzung des göttlichen Ratschlusses andererseits verstanden.
Gegen die Häresien V 25,1
abgefasst um 180 n. Chr. von Irenäus von Lyon„Weiterhin erweist sich auch aus dem, was unter dem Antichrist geschehen soll, daß der Apostat und Räuber als Gott verehrt werden und als König ausgerufen werden will, obwohl er doch ein Sklave ist. Indem nämlich jener alle Kraft des Teufels annehmen wird, wird er nicht als gerechter König kommen, nicht als gesetzmäßiger in der Unterwerfung unter Gott, sondern als ein ungerechter, gesetzloser, gottloser, als Apostat, Übeltäter, Menschenmörder und Räuber, der die Apostasie des Teufels in sich rekapituliert. Die Götzen wird er abtun und sich selbst als Gott ausgeben, sich als den einzigen Götzen erheben, der in sich den mannigfachen Irrtum der übrigen Götzenbilder enthält, damit die, welche in mancherlei Greueln den Teufel anbeten, ihm in dem einen Götzen dienen.“
Gegen die Häresien V 25,3
abgefasst um 180 n. Chr. von Irenäus von Lyon„[…] drei Jahre und sechs Monate […] [wird] er bei seiner Ankunft über die Erde herrschen […]“
Über die Auferstehung des Fleisches (Kap. 27)
abgefasst um 210 n. Chr. von Tertullian von Karthago„Wenn wir lesen: ‚Tritt ein mein Volk, in deine Vorratskammern … einen Augenblick, bis mein Zorn vorüber ist‘ [Jesaja 26,20], so werden die Vorratskammern wohl die Gräber sein, in welchen diejenigen eine kurze Zeit zu ruhen haben, die am Ende der Welt unter dem letzten Zorne durch die Gewalt des Antichrists umkommen. […] Denn aus den Vorratskammern wird nichts anderes herausgeholt, als was hineingetragen wurde, und die Auferstehung wird nach der Vertilgung des Antichrists vor sich gehen.“