Uns Christen des 21. Jh. täte es gut, über Leben und Wirken unserer Glaubensgeschwister der Frühzeit des Christentums insgesamt besser informiert zu sein, als wir es im Allgemeinen sind – bieten ihre Texte uns doch einen privilegierten Zugang zur Lebenswelt der Apostel, zu deren Lehrgerüst und ersten Ausformungen kirchlicher Praxis. Zeugnisse früher Christen dienen damit als historischer Prüfstein für so manche heutige Deutung des Neuen Testaments. Wer die frühe Kirche ignoriert, riskiert, die heiligen Schriften in einem „luftleeren Raum“ zu interpretieren und unbemerkt neuzeitliche (jedoch nicht notwendigerweise korrekte) Denkvoraussetzungen als „biblisch“ zu deklarieren.
I. Zeitkriterium: Nähe als hermeneutischer Vorteil
Tertullian1 schreibt Bezug nehmend auf den Häretiker Marcion (ca. 85–160 n. Chr.):
„Ich nenne mein Evangelium echt, Marcion seins; ich nenne seins verfälscht, er meins. Wer wird zwischen uns entscheiden? Nur das Zeitverhältnis, indem die Zeit für das, was das ältere ist, Autorität präskribirt und gegen das, was als das jüngere dastehen wird, das Präjudiz der Verfälschung erweckt. Denn sowie die Fälschung eine Verderbnis des echten ist, so muss notwendig das Echte dem Gefälschten vorausgehen.“
Tertullians Argument gegen Marcion macht ein bis heute grundlegendes historisches Kriterium deutlich: Wenn zwei widersprüchliche Überlieferungen Anspruch auf apostolische Authentizität erheben, hat im Regelfall die ältere, zeitlich näher an den Ereignissen liegende Überlieferung höheren Wahrscheinlichkeitswert. Dieses Argument des Zeitvorteils wird in moderner Geschichtswissenschaft etwa bei Bewertung miteinander konkurrierender Berichte angewandt: Frühere Texte, die von einem Ereignis berichten, gelten für gewöhnlich als inhaltlich zuverlässiger gegenüber solchen Texten, die erst sehr spät entstanden sind.
Übertragen auf die Frage nach „apostolischem“ Christentum bedeutet das: Lehren und Praktiken, die bereits im 2. Jh. n. Chr. klar bezeugt sind, besitzen eine andere Plausibilität als dogmatische oder kirchliche Entwicklungen, die erst seit dem Spätmittelalter oder gar erst seit der Neuzeit auftreten. Wer apostolisches Zeugnis ernst zu nehmen gewillt ist, darf sich also fragen, warum er ggf. Lehrauffassungen bevorzugt, die erst 1 400 Jahre oder länger nach den Aposteln erstmals sichtbar werden – gegenüber Lehrauffassungen, die innerhalb von zwei Generationen nach den Aposteln greifbar sind.
II. Zunehmende Auswirkungen kleiner Veränderungen
Die Geschichte des Christentums (und überhaupt die Menschheitsgeschichte) zeigt, dass schriftlich nicht fixierte Überlieferungen leichter Verdrängungen und/oder Veränderungen ausgesetzt sind. Zwischen zwei Generationen wirkt eine Abweichung geringfügig; über Jahrhunderte hinweg summieren sich solche Minimalverschiebungen jedoch zu mitunter tiefgreifenden Unterschieden.
Das Christentum des 2. Jh. n. Chr. war gewiss nicht in jedem Detail ein perfektes Duplikat der apostolischen Zeit, doch stand es ihr historisch noch sehr nahe; wir Christen von heute leben demgegenüber rund 19 Jahrhunderte später. Wer behauptet, gerade seine heutige Frömmigkeitsform bilde apostolisches Christentum nahezu unverändert ab, muss erklären, warum der zunehmende Effekt geschichtlicher Entwicklung ausgerechnet in seiner eigenen Tradition keine substanziellen Veränderungen hervorgebracht haben soll.
Um hier wirklich sicher sein zu können, wie „dicht“ der eigene gemeindliche bzw. kirchliche Kontext „am Original“ ist, schadet ein Abgleich mit Lehren und Praktiken der frühen Kirche sicher keineswegs. Dazu jedoch ist eine Sichtung frühchristlicher Befunde durch Beschäftigung mit schriftlichen Zeugnissen der frühen Kirche unumgänglich.
III. Sprache, kulturelles Umfeld und persönliche Verbindung zu Aposteln
Ein weiterer Grund, warum die frühen Christen für unser Verständnis unverzichtbar sind, liegt in ihrer sprachlichen und kulturellen Verortung: Sie lasen neutestamentliche Schriften im gewöhnlichen Griechisch ihrer Zeit (ohne die Distanz einer „toten“ Sprache); sie dachten, beteten und argumentierten in derselben Sprach- und Gedankenwelt, in der Apostel wie Paulus, Johannes und Jakobus schrieben und anderweitig kommunizierten.
Hinzu kommt, dass einzelne Gestalten der frühesten Kirche – wie Clemens von Rom oder Polykarp – zumindest älterer Überlieferung zufolge in direkter persönlicher Verbindung zum Apostelkreis standen und daher nicht allein Texte verschiedener Apostel, sondern auch deren mündliche Lehrtätigkeit kannten. Selbst wenn neuere Forschung diese konkreten Identifikationen teilweise zurückhaltender beurteilt, bleibt der generelle Befund: Die Apostolischen Väter verbinden biografisch und theologisch die Welt der Apostel mit der sich konsolidierenden Großkirche des späteren 2. und des darauffolgenden 3. Jh. n. Chr. und sind damit einzigartige Zeugen frühchristlicher Auslegungen der apostolischen Botschaft.
IV. Mündliche apostolische Überlieferung und kirchliche Praxis
Das Neue Testament selbst zeigt auf, dass der Umfang apostolischer Lehrtätigkeit über schriftlich erhaltene Texte hinausging und mündliche Überlieferung für Gemeinden der ersten Generation eine zentrale Rolle spielte, wenn es etwa um bestimmte praktische Fragen ging. Wenn Paulus Gemeinden auffordert, an „Überlieferungen“ festzuhalten, die sie „mündlich oder schriftlich“ empfangen haben (2. Thessalonicher 2,15), wird deutlich, dass mündliche und schriftliche Vermittlung für ihn eine Einheit bildeten, insofern es um Inhalte apostolischer Herkunft ging.
Gerade in Fragen gemeindlicher Ordnung, des Gottesdienstablaufs und konkreter Gestaltung sakramentalen Lebens der frühen Kirche scheinen viele Einzelheiten zunächst nicht schriftlich normiert, sondern durch gelebte Überlieferung und eingeführte Gewohnheiten geregelt worden zu sein. Außer- bzw. nachneutestamentliche Schriften der frühen Christen geben uns hier wertvolle Einblicke in verschiedene Praktiken wie Gestaltung der Gemeindeleitung, der Taufe oder der Feier der Eucharistie, also des Abendmahls – diese Schriften helfen uns, zu erkennen, wie die ersten Generationen apostolische Weisungen tatsächlich in kirchliches Leben übersetzten.
V. Korrektur moderner „blinder Flecken“
Die Auseinandersetzung mit den frühen Christen kann sich für uns im Hier und Heute in mehrfacher Hinsicht korrigierend auswirken:
(1) Sie entlarvt manch neuzeitliche Selbstverständlichkeit als zeitgebundene Deutung: Viele „typisch evangelikale“ oder „typisch konfessionelle“ Positionen lassen sich in der frühen Kirche so nicht nachweisen; das hält dazu an, zwischen einem apostolischen Kern und späteren theologischen Systembildungen zu differenzieren.
(2) Sie relativiert die Vorstellung, die Bibel sei ohne historischen und kirchlichen Kontext problemlos „selbsterklärend“: Bereits Petrus weiß um schwer verständliche Elemente in den paulinischen Briefen und die Gefahr ihrer Verdrehung (2. Petrus 3,15–16); die frühe Kirche zeigt, wie man in unmittelbarer zeitlicher und kultureller Nähe solche Texte praktisch verstand.
(3) Sie fordert zu Demut gegenüber eigener Exegese heraus: Wenn Glaubende des 2. Jh. n. Chr. (sprachlich und kulturell deutlich näher an den Aposteln) bestimmte Schlüsseltexte anders lasen als wir, ist es methodisch redlich, die Möglichkeit eigener Fehlinterpretation ernsthaft zu erwägen und sich ggf. vom frühchristlichen Zeugnis korrigieren zu lassen.
Aus o. g. Gründen ist eine Kenntnis der frühen Christen keine antiquarische Liebhaberei, sondern eine theologisch notwendige Ressource für jede Kirche, die beansprucht, in Lehre und Praxis „apostolisch“ zu sein.
Auch biblisch ist ein Zurateziehen nachapostolischer frühchristlicher Autoren nicht nur zu rechtfertigen, sondern ausdrücklich zu empfehlen. Paulus schreibt an Timotheus (2. Timotheus 2,2):
„Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertraue zuverlässigen Menschen an, die dann fähig sein werden, wieder andere zu lehren.“
Wir lesen hier von vier Generationen von Christen: (1) Paulus, (2) seinem Schüler Timotheus, (3) Schülern von Timotheus und (4) Schülern von Schülern des Timotheus.
Der Apostel ist zuversichtlich, dass zwei Generationen nach Timotheus immer noch eine saubere lehrmäßige Linie existieren würde – und dann befindet man sich bereits zwischen Mitte und Ende des 2. Jh. n. Chr. und somit in der Zeit von Größen wie Justin und Irenäus oder anderen frühchristlichen Apologeten. Die Zeit det Apostolischen Väter liegt dann bereits in Vergangenheit.
VI. Ausblick
Eine inhaltlich konstruktive Auseinandersetzung mit dem frühchristlichen Zeugnis in heutiger Zeit, und zwar in allen Teilen der christlichen Gemeinschaft, würde sicher nicht nur den interkonfessionellen Dialog befruchten, sondern auch dabei helfen, uns besser zu „sortieren“ – Altes und Wertvolles wiederzuentdecken und uns von manch unnötiger und allein dem Zeitgeist geschuldeter Umformung gemeindlichen Lebens zu verabschieden.
- Die fünf Bücher gegen Marcion IV 4, in: Tertullians sämtliche Schriften, übersetzt von Karl Adam Heinrich Kellner, Köln 1882, S. 261.