„Ein Wetteifer war unter euch Tag und Nacht zum Frommen der ganzen Gemeinde von Brüdern, auf daß mit Erbarmen und Gewissenhaftigkeit die Zahl seiner Auserwählten gerettet werde.“
Quelle: Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Bd. 35, München 1918, S. 26.Erwählung
Erwählung (insbesondere hinsichtlich der Frage, in welchem Verhältnis sie zum Heil oder zur Verurteilung Einzelner im Jüngsten Gericht steht) wird seit jeher kontrovers diskutiert. Im „Calvinismus“ etwa, benannt nach dem Reformator Johannes Calvin (1509–1564), wird sie so gedeutet, dass Gott eine bedingungslose Auswahl einzelner Menschen zum ewigen Heil aufgrund eines vorweltlichen Beschlusses getroffen habe; im „Arminianismus“ hingegen, benannt nach dem Theologen Jacobus Arminius (1560–1609), so, dass Gott eine Auswahl einzelner Menschen zum ewigen Heil aufgrund eines vorweltlichen Beschlusses getroffen habe, bedingt durch Vorkenntnis einer freiwilligen Entscheidung ihrerseits für Christus.
Im neutestamentlichen Kontext bezieht sich Erwählung zunächst auf Gottes Auswahl derer, die „in Christus“ sind und „durch Christus“ zu geistlichen Segnungen und einem heiligen Wandel aufgrund eines entsprechenden vorweltlichen Dekrets bestimmt sind (Epheser 1,3–6). Es geht darum, wozu die, welche „in Christus“ und somit errettet sind, erwählt sind. Das Ziel, dass die Erwählten zu Gottes Ehre als sein besonderes Eigentum leben sollten, wurde „vor Grundlegung der Welt“ beschlossen (Vers 4).
Die „calvinistische“ These, dass es einer souveränen göttlichen Intervention bedürfe, damit ein Mensch zum Glauben durchbreche und errettet werde, weil der gefallene Mensch nicht aus sich selbst heraus zu Gott komme, wäre von frühchristlichen Autoren ebenso unterstrichen worden wie die „arminianische“ These, dass ein Mensch in der Verantwortung stehe, im Glauben eine „Entscheidung für Christus“ zu treffen. Weder enthebt Gottes Souveränität den Menschen seiner Verantwortung, auf den Ruf zum Glauben zu reagieren, noch bedeutet die Verantwortung des Menschen, auf den Ruf zum Glauben zu reagieren, dass er sich jederzeit aus eigenem Willen auf Gott zubewegen könne. Denen, die „in Christus“ sind, gilt die Zusage, erwählt zu sein, zu Gottes Ehre zu leben; denen, die (noch) nicht „in Christus“ sind, gilt der Aufruf: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15).
Es gibt, je nach Kontext, verschiedene Anwendungen der Begriffe „erwählt“ und „Erwählung“ und die Zusammenhänge zwischen (1) der Berufung zum Heil, der Erwählung in Christus sowie der Bestimmung, zu Gottes Ehre zu leben, und (2) der Verantwortung, als ungläubiger Mensch auf den Ruf des Evangeliums zu reagieren, sind teilweise komplex und ein genaues Verständnis erfordert eine sorgfältige Betrachtung einzelner Bibeltexte, die für dieses Thema relevant sind.
Was das Neue Testament und damit auch die frühe Kirche klar kommuniziert, ist, dass der Mensch, der errettet wird, das ausschließlich Gott zu verdanken hat – und dass der Mensch, der verlorengeht, ausschließlich selbst dafür verantwortlich ist.
Der frühchristliche Konsens hinsichtlich dieser komplexen Thematik ließe sich wie folgt zusammenfassen: Der gefallene, sündige Mensch ist unfähig genug, dass er sich nicht selbst helfen kann (deswegen muss ihm durch den Ruf des Evangeliums geholfen werden), jedoch frei genug, Entscheidungen zu treffen (deswegen ist er verantwortlich, wenn er den Ruf des Evangeliums ablehnt).
Der Hirte des Hermas (Gesicht 1, Kap. 3,4)
„Siehe, der Herr der Heerscharen, der mit seiner unsichtbaren Macht und Stärke und großen Weisheit die Welt erschuf und in seinem lobwürdigen Ratschlusse seine Schöpfung mit Schönheit umgab und mit seinem mächtigen Wort den Himmel befestigte und die Erde gründete über den Wassern und in der ihm eigenen Weisheit und Vorsicht seine heilige Kirche schuf, die er auch segnete, siehe, er versetzt die Himmel, die Berge, die Hügel und die Meere, und alles wird ebenes Land für seine Auserwählten, damit er ihnen das Versprechen einlöse, das er mit großem Ruhm und großer Freude gegeben, wenn sie nämlich die Satzungen Gottes halten, die sie in großem Vertrauen empfangen haben.“
Quelle: Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Bd. 35, München 1918, S. 182.Der Hirte des Hermas (Gesicht 4, Kap. 3,5)
„Der weiße Teil aber ist die kommende Welt, in der die Erwählten Gottes wohnen werden, weil die von Gott zum ewigen Leben Auserkorenen fleckenlos und rein sein werden.“
Quelle: Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Bd. 35, München 1918, S. 201.