Origenes’ Kommentar zu Johannes X 4

„Marcion, so denke ich, hat die heilsamen Worte in verkehrtem Sinne genommen, als er die Geburt Jesu aus Maria verworfen und behauptet hat, nach seiner göttlichen Natur sei er nicht aus Maria geboren. Darum hat er kühn die Stellen aus dem Evangelium getilgt, die solches bezeugen. Und ein gleiches Los scheinen jene erlitten zu haben, die seine Menschheit verwerfen und allein seine Gottheit annehmen. Wiederum aber gibt es andere, die in das entgegengesetzte Extrem verfallen, indem sie seine Gottheit leugnen und behaupten, er sei nur ein heiliger Mensch und der gerechteste unter allen Menschen gewesen.“

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Origenes

Origenes (ca. 185–255 n. Chr.), Sohn einer wohlhabenden Familie und herausragender christlicher Schriftsteller des ausgehenden 2. und beginnenden 3. Jh., widmete sein Leben der christlichen Philosophie und Theologie. Er leitete eine philosophisch-theologische Schule in Alexandrien und später in Caesarea, wo er eine bedeutende Bibliothek und ein Skriptorium aufbaute. Origenes verfasste umfangreiche Bibelkommentare und die erste christliche Dogmatik („De principiis“). Einige seiner Lehren, darunter die Präexistenz menschlicher Seelen und die Apokatastasis („Allversöhnung“), waren prägend und umstritten zugleich. In Caesarea starb er vermutlich an den Folgen von Folter in den Christenverfolgungen unter dem römischen Kaiser Decius (ca. 190–251 n. Chr.). Origenes beeinflusste die spätere Kirche und Auslegungen biblischer Texte über Jahrhunderte hinweg in nicht geringem Maße.