
1949 veröffentlichte der evangelische Theologe und Exeget Oscar Cullmann den Aufsatz „Unsterblichkeit der Seele oder Auferstehung der Toten?“, der zu einem der einflussreichsten Beiträge zur Diskussion um den Tod und das Jenseits im christlichen (und insbesondere im protestantischen) Kontext geworden ist. Cullmann stellt die selbst unter vielen Christen seiner (und auch unserer) Zeit weitverbreitete Vorstellung der „unsterblichen Seele“ im Sinne der griechischen Philosophie der biblischen Lehre der Auferstehung der Toten gegenüber.
1. UNSTERBLICHKEIT DER SEELE ODER AUFERSTEHUNG DER TOTEN?
1. 1. Fragestellung
Cullmann stellt zunächst fest, dass viele Christen die Begriffe „Unsterblichkeit der Seele“ (in einer Definition, die eher der griechischen Philosophie als dem biblischen Denken entspricht) und „Auferstehung der Toten“ unwissentlich gleichsetzen oder beide Konzepte gedanklich miteinander vermischen, und weist darauf hin, dass es sich in Wahrheit um zwei grundsätzlich verschiedene Vorstellungen handelt, die nicht miteinander vereinbar sind.
1. 2. Griechisch-philosophische Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele
Vom Autor wird die Herkunft der volkstümlichen Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele vornehmlich aus Platons Gedankengut heraus erklärt. Nach dieser Auffassung bedarf die Seele, die (anders als im biblischen Denken) als vollkommen gilt, einer Befreiung von einem unvollkommenen, gebrechlichen und dem Tod verfallenen Leib.
1. 3. Biblische Sicht der Auferstehung der Toten
Im Gegensatz dazu beschreibt Cullmann die biblische Perspektive, wie sie sich im Alten und Neuen Testament finden lässt. Hier ist der Tod ein radikaler Einschnitt: Der Mensch als wesenhafte Einheit von Leib und Seele wird zerrissen – er ist nicht mehr das, was er sein sollte, sondern als solches tot, bis Gott ihn am „Jüngsten Tag“ als Einheit von Leib und Seele wiederauferstehen lässt. Statt einer Befreiung einer unsterblichen Seele von einem dem Tod verfallenen Leib lehrt die Bibel die Befreiung des Leibes vom Todesgeschick und die Wiedervereinigung der Seele mit dem (dann nicht mehr der Vergänglichkeit unterworfenen) Leib. (Der Mensch ist als Ganzer der Sünde verfallen und dem Tod unterworfen worden und nicht nur in Teilen; demzufolge muss er auch als Ganzer durch eine Auferstehung wiederhergestellt werden.)
Die Auferstehung zum ewigen Leben ist Gottes Geschenk – möglich, weil die Seele nach ihrer Trennung vom Leib im Rahmen eines göttlichen Edikts erhalten bleibt (und nicht aufgrund von Unsterblichkeit als vermeintlich natürlicher Eigenschaft der Seele). Besonders hebt Cullmann die Auferstehung Jesu Christi als zentrales Ereignis und Vorbild der künftigen Auferstehung aller im Glauben Verstorbenen hervor.
1. 4. Bedeutung des Todes
Cullmann macht geltend, dass der Tod im Neuen Testament als wirkliche Macht und Feind verstanden wird, nicht als bloße „Durchgangsstation“ in ein „besseres Leben“. Jesus selbst hat den Tod wirklich erlitten, und durch Gottes Macht ist er zu neuem Leben auferstanden. Dass der Tod für den Christen keine Bedrohung mehr darstellt, liegt darin begründet, dass er aufgrund seiner Zugehörigkeit zu dem, der den Tod durch die eigene Auferstehung überwunden hat, nicht mehr von Gott getrennt werden kann – Gott erhält seine Seele nicht nur über den Tod des Leibes hinaus, sondern garantiert auch seine leibliche Auferstehung zum ewigen Leben.
1. 5. Konsequenzen für das christliche Verständnis
Cullmann warnt davor, die griechische Vorstellung der Unsterblichkeit der Seele mit der biblischen Auferstehungshoffnung zu vermischen. Für den christlichen Glauben ist die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten zentral, nicht der Glaube an eine „unsterbliche Seele“. Die Auferstehung des Menschen als wiederhergestellte leiblich-seelische Einheit ist ein göttlicher Schöpfungsakt und wurzelt nicht in einer natürlichen Eigenschaft der menschlichen Seele.
1. 6. Vergleich beider Vorstellungen
Cullmann vergleicht beide Konzepte systematisch: Das griechische Konzept der Unsterblichkeit der Seele setzt eine unzerstörbare „Substanz“ voraus, die Auferstehung dagegen einen gänzlich neuen schöpferischen Akt Gottes, dessen Ziel die Wiederherstellung der Einheit des menschlichen Wesens ist. Bei der griechischen Vorstellung gibt es keine wirkliche Überwindung des Todes, bei der Auferstehung wird der Tod besiegt. Die christliche Hoffnung richtet sich auf die endgültige Überwindung des Todes durch Gottes Macht.
1. 7. Schlussfolgerung
Cullmann lädt dazu ein, zur biblischen Hoffnung auf die Auferstehung der Toten zurückzukehren, sie wieder bewusster ins Visier zu nehmen und sich von der griechischen Seelenvorstellung zu distanzieren. Nur so könne das spezifisch Christliche der Auferstehungshoffnung bewahrt werden.
2. ZUSAMMENFASSUNG DER ZENTRALEN THESEN CULLMANNS
Die griechisch-philosophische Lehre der Unsterblichkeit der Seele ist nicht biblisch, die Bibel lehrt die Hoffnung auf die leibliche Auferstehung durch Gott. Die christliche Erwartung gründet sich auf die Auferstehung Jesu Christi selbst und die biblischen Ankündigungen der künftigen Auferstehung der Verstorbenen. Der Tod ist gemäß der christlichen Lehre ein wirklicher Feind, der erst durch Gottes Eingreifen überwunden wird.
3. BEDEUTUNG DES WERKES
Cullmanns Schrift hat die theologische Diskussion nachhaltig geprägt und fordert dazu heraus, allzu philosophische Vorstellungen vom Tod und vom Jenseits kritisch zu hinterfragen und sich auf die biblischen Grundlagen zu besinnen. Das Werk ist ein Plädoyer für die Auferstehungshoffnung als Kern des christlichen Glaubens.
Ferner ist Cullmann die Universalität von Christi Erlösungstat ein Anliegen – diese umfasst eben nicht allein den Menschen, sondern alles, was durch Adams Fall an Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Dass die gesamte einst dem Menschen zur Verwaltung und Pflege unterstellte Schöpfung in einer wie auch immer gearteten Form von der Erlösungstat betroffen und in die Wiederherstellung eingeschlossen ist, wird in der Heiligen Schrift klar bezeugt.
Zum sogenannten Zwischenzustand äußert sich Cullmann dahingehend, dass die Informationslage so gering sei, dass er über das genaue „Wesen“ des „Todesschlafs“ nicht spekulieren möchte; für ihn sei relevant, dass der Verstorbene „bei Christus“ sei und der Vollendung in der leiblichen Auferstehung entgegenblicke.
Die Herausforderung, die er bei der Seele im „Zwischenzustand“ sehe, sei, dass die Bilder, die diesen Zustand betreffen, sehr verschieden und eher vage seien – „bei Christus“, „entschlafen“, „im Paradies“, „unter dem Altar“, alles ohne irgendeine eingehende nähere Definition oder Beschreibung, deswegen seine starke Zurückhaltung (wobei Cullmann selbst das Bild vom „Schlaf“ favorisiert, wiewohl er sich nicht darauf festlegt, zu sagen, ob dies ein „traumloser“ Schlaf sei oder es eine Form der bewussten Wahrnehmung gebe).
Insgesamt ist für Cullmann vorrangig, in Erinnerung zu rufen, dass jeder „Zwischenzustand“ vorläufiger Natur und das Eigentliche nicht erreicht sei, ehe der Mensch in Gänze als Auferstandener wiederhergestellt sei. Verlöre man diese Perspektive aus dem Blick, schwinde, so Cullmann, auch das Bewusstsein für die Universalität oder kosmische Dimension der Erlösungstat.
Besonders das Letztere macht der Autor sehr überzeugend deutlich – vor allem, dass der Tod eben wirklich ein Feind und kein Freund ist und ausschließlich im Licht von Jesu Auferstehung seinen Schrecken verliert.