Das Neue Testament und frühchristliche Schriften

Klaus Berger (1940–2020) und Christiane Nord (* 1943) haben mit Das Neue Testament und frühchristliche Schriften einen ebenso imponierenden wie streitbaren Quellenband vorgelegt. Sein stärkster Einfall besteht in der gemeinsamen Präsentation des kanonischen Neuen Testaments und jener christlichen und pseudochristlichen Texte, die bis etwa 200 entstanden. Die Didache, der 1. Clemensbrief, der Barnabasbrief, der Hirte des Hermas, die Oden Salomos sowie apokryphe und gnostische Schriften erscheinen in der von Berger angenommenen zeitlichen Folge. Dadurch verliert der Kanon keineswegs seinen kirchlichen Rang; sichtbar wird jedoch, in welchem vielstimmigen literarischen Raum er Gestalt gewann. Die ungewohnte chronologische Anordnung soll dabei ausdrücklich vertraute Lesegewohnheiten aufbrechen.

Der Band lädt zum vergleichenden Lesen ein. Kurze Einleitungen informieren über Datierung, Herkunft, Gattung und theologisches Profil der einzelnen Schriften. Die Anmerkungen bleiben knapp und helfen meist genau dort, wo antike Bilder oder schwierige Überlieferungsverhältnisse den Zugang erschweren. Nords übersetzungswissenschaftliche Erfahrung und Bergers philologische Kenntnis ergeben ein gut lesbares, bewusst gegenwartsnahes Deutsch. Manches ist allerdings stärker auslegend, als es eine Studienausgabe erwarten lässt. Wer einzelne Formulierungen sprachlich prüfen will, braucht weiterhin die griechischen, lateinischen, syrischen oder koptischen Textausgaben.

Der wichtigste Einwand betrifft Bergers Chronologie. Zahlreiche Schriften werden erheblich früher angesetzt, als es in der Forschung üblich ist. Besonders bei Texten wie dem 2. Clemensbrief oder einzelnen apokryphen Evangelien beruhen die Datierungen auf mutigen, teils schwer überzeugenden Rekonstruktionen. So hält Berger beim 2. Clemensbrief sogar eine Entstehung um 75 für möglich, gemeinhin wird dieser auf 150 datiert. Da die chronologische Anordnung dem ganzen Buch seine Struktur gibt, erhält eine umstrittene These optisch den Rang einer gesicherten Tatsache.

Als kritische Edition taugt der Band daher nur begrenzt, als Lese- und Arbeitsbuch bleibt er hingegen außergewöhnlich wertvoll! Er versammelt Quellen, die sonst über zahlreiche Ausgaben verstreut sind, und macht die Vielfalt des frühen Christentums unmittelbar erfahrbar. Wer Berger in manchen Datierungsfragen widerspricht, wird dennoch Gewinn aus dem Buch ziehen. Man sollte es aufmerksam lesen, die Datierungsfragen der Fachwelt überlassen und das Hauptanliegen des Buches nicht aus dem Fokus verlieren – den „Tisch“ kennenzulernen, welcher der frühen Kirche zur Verfügung stand.