Christentum: Was ist das eigentlich?

IM ZENTRUM des Christentums steht eine Person: Jesus Christus. Lehren, Gebote, Gottesdienste und kirchliche Ordnungen gehören zwar zum christlichen Glauben dazu, sie erhalten ihre Bedeutung jedoch von ihm her. Bereits die ersten Christen brachten ihr Bekenntnis in einem denkbar kurzen Satz auf den Punkt: ‘Jesus ist der Herr’ (Röm 10,9). Der gekreuzigte Jesus von Nazaret war von den Toten auferstanden und von Gott zum Herrn über alle Schöpfung eingesetzt worden. Nimmt man Christus aus der Mitte heraus, so mag eine religiöse Weltanschauung oder anspruchsvolle Ethik übrigbleiben – das Christentum selbst jedoch verliert man dabei.

Die christliche Botschaft beginnt bei Gott. Die Welt verdankt sich keinem blinden Zufall und keiner Laune irgendwelcher Götter. Sie ist Gottes Schöpfung und als solche gut. Der Mensch besitzt eine unverlierbare Würde, weil er als Gottes Ebenbild geschaffen wurde. Doch im Alten und Neuen Testament wird uns zugleich von einem tiefen Bruch erzählt: Der Mensch misstraut seinem Schöpfer, setzt sich selbst an dessen Stelle und gerät unter die Macht der Sünde. Diese zeigt sich in einzelnen Taten, geht jedoch weit darüber hinaus: Sie zerstört die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott und vergiftet das menschliche Zusammenleben. An ihrem Ende steht der ewige Tod.

Gott überlässt seine Schöpfung diesem Zustand nicht. Er ruft Israel, schließt mit ihm einen Bund und gibt ihm seine Verheißungen. Jesus lässt sich deshalb nur innerhalb der Geschichte Israels verstehen. Er kommt als der verheißene Messias, durch den Gottes Herrschaft sichtbar wird und Abrahams Segen die Völkerwelt erreicht.

Als Jesus Christus wird Gottes ewiger Sohn Mensch. Gott bleibt dem menschlichen Elend nicht aus einer sicheren Entfernung gegenüber, sondern tritt in der Person des Sohnes selbst in die Geschichte ein, wird geboren, lebt unter Menschen und erleidet einen gewaltsamen Tod. Jesus verkündet Gottes Reich, vergibt Sünden und nimmt Menschen an, die von anderen längst abgeschrieben wurden. An seinem Umgang mit Kranken, Ausgestoßenen und Schuldigen zeigt sich, wie Gott uns Menschen begegnet. Zugleich zeigt Jesu Leben, wozu der Mensch geschaffen wurde – zum Vertrauen auf Gott, Gehorsam gegenüber seinem Schöpfer und zu einer Liebe, die selbst vor Feinden nicht haltmacht.

Jesu Weg führt ans Kreuz. Aus römischer Sicht stirbt dort ein verurteilter Aufrührer. Der christliche Glaube sieht in diesem Tod die freiwillige Hingabe des Sohnes Gottes für die Menschheit. Christus stellt sich dort den Folgen ihrer Sünde oder Rebellion gegen ihren Schöpfer. Das Neue Testament spricht vom Opfer und von der Versöhnung, aber auch vom Sieg über jene Mächte, die den Menschen versklaven. Diese Bilder beschreiben das Kreuz aus verschiedenen Blickwinkeln. Ihr gemeinsamer Kern lautet: Gott selbst handelt, um die zerbrochene Gemeinschaft mit seiner Schöpfung wiederherzustellen. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich“, schreibt Paulus (2Kor 5,19).

Doch mit Jesu Tod endet die Geschichte nicht. Am dritten Tag hat Gott ihn von den Toten auferweckt. An dieser Behauptung hängt der gesamte christliche Glaube. Paulus formuliert es ohne Umschweife: Wäre Christus nicht auferstanden, so wäre auch der Glaube leer (1Kor 15,14). Die Auferstehung ist mehr als eine Rückkehr ins bisherige Leben. Mit ihr beginnt Gottes neue Schöpfung inmitten der alten. Der Tod besitzt zwar noch Macht, doch sein endgültiges Urteil ist bereits gesprochen.

Darum ist das Heil ein Geschenk. Kein Mensch kann seine Schuld durch religiöse Leistungen ausgleichen oder sich selbst aus der Macht der Sünde und des Todes befreien. Gott ruft den Menschen zur Umkehr und zum Glauben an Christus. Dieser Glaube erschöpft sich nicht in der Zustimmung zu bestimmten Lehren – er bedeutet Vertrauen, Bindung und gelebte Treue. Gute Werke kaufen das Heil nicht, sie wachsen aus ihm hervor. In der Taufe wird der Mensch mit Christus und seiner Gemeinde oder Kirche verbunden. Das alte Leben kommt unter Gottes Gericht, ein neues beginnt.

Gott schenkt dazu seinen Heiligen Geist. Der Geist weckt den Glauben, erneuert den Menschen und macht Christus in seiner Gemeinde gegenwärtig. Darum gehört die Kirche von Anbeginn zum Christentum. In ihr wird das Evangelium verkündet, es wird getauft und das Mahl des Herrn gefeiert. Christen beten miteinander, tragen einander und dienen anderen Menschen. Schuld und Versagen der Kirche können ihre Botschaft bis zur Unkenntlichkeit verdunkeln – ihr Maßstab bleibt Christus selbst.

Der christliche Glaube blickt schließlich nach vorn. Seine Hoffnung gilt keiner Flucht der Seele aus der materiellen Welt, sondern der Auferstehung der Toten und einer erneuerten Schöpfung. Christus wird wiederkommen, das Böse richten und Gottes Herrschaft in ihre Vollendung führen. Der Tod wird verschwinden, und Gott wird bei seinen Menschen wohnen.

Was also ist das Christentum im Kern? Die gute Nachricht, dass der dreieinige Gott seiner verlorenen Schöpfung in Jesus Christus entgegenkommt. Der Sohn gibt sich für die Menschen hin und wird von den Toten auferweckt. Der Heilige Geist verbindet Menschen mit Christus und erneuert so ihr Leben. Wer Jesus Christus vertraut, der empfängt Vergebung, wird in die Gemeinschaft mit Gott gerufen und lebt in der Gewissheit, dass die Sünde und der Tod nicht das letzte Wort behalten.