
Oscar Cullmann (1902–1999) zählt zu den bedeutendsten evangelischen Theologen des 20. Jh. Als Neutestamentler, Kirchenhistoriker und Ökumeniker prägte er über Jahrzehnte hinweg die internationale theologische Forschung. Seine Arbeiten zur Heilsgeschichte, frühchristlichen Eschatologie und Christologie sowie zum Verhältnis verschiedener christlicher Konfessionen zueinander haben weit über den deutschsprachigen Raum hinaus ihre Wirkung entfaltet. Besonders bekannt wurde Cullmann durch sein heilsgeschichtliches Denken, das die Geschichte als den Ort versteht, an dem Gott seinen Heilsratschluss verwirklicht.
I. Herkunft und Ausbildung
Cullmann wurde in Straßburg geboren. Die Stadt gehörte damals zum Deutschen Reich und fiel nach dem Ersten Weltkrieg wieder an Frankreich. Cullmann wuchs in einem evangelisch-lutherischen Pfarrhaus auf. (Sein Vater Jules Cullmann war Pfarrer der lutherischen Kirche im Elsass.)
Früh entwickelte Cullman starkes Interesse an den biblischen Sprachen und der Geschichte des frühen Christentums. Nach dem Abitur studierte er evangelische Theologie an der Universität Straßburg sowie zeitweise in Paris. Bereits während seines Studiums beschäftigte er sich intensiv mit den neutestamentlichen Schriften und verschiedenen Kirchenvätern.
1925 promovierte Cullmann in Straßburg. Wenige Jahre später habilitierte er sich dort und begann seine akademische Laufbahn.
II. Professor in Straßburg und Basel
Cullmann lehrte zunächst an der Universität Straßburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm er zusätzlich den Lehrstuhl für Neues Testament an der Universität Basel, den er viele Jahrzehnte innehatte. Dadurch pendelte er regelmäßig zwischen Frankreich und der Schweiz.
Seine Vorlesungen galten als außerordentlich klar, historisch fundiert und zugleich geistlich anregend. Studenten aus zahlreichen Ländern kamen nach Basel, um bei ihm zu studieren.
Cullmann verband philologische Genauigkeit mit einem ungewöhnlich weiten historischen Horizont. Für ihn konnte das Neue Testament nur verstanden werden, wenn man zugleich das Judentum des Zweiten Tempels, die griechisch-römische Welt und die Geschichte der Alten Kirche berücksichtigte.
III. Heilsgeschichte als theologischer Schlüssel
Das Zentrum von Cullmanns Denken bildet der Begriff der Heilsgeschichte (Historia Salutis). Während viele protestantische Theologen des 20. Jh. den Schwerpunkt auf existenzielle Glaubenserfahrung oder systematische Reflexion legten, betonte Cullmann den geschichtlichen Charakter des christlichen Glaubens.
Nach seiner Überzeugung handelt Gott innerhalb der realen Geschichte. Die biblischen Ereignisse bilden keine bloßen religiösen Symbole oder zeitlosen Wahrheiten, sondern konkrete Heilshandlungen Gottes. Im Mittelpunkt dieser Heilsgeschichte steht Jesus Christus. Sein Leben und Tod sowie seine Auferstehung bilden den entscheidenden Wendepunkt der gesamten Weltgeschichte.
Cullmann veranschaulichte diesen Gedanken häufig mit einem militärhistorischen Vergleich aus Zweiten Weltkrieg: Der D-Day am 6. Juni 1944 entschied den Krieg grundsätzlich, obwohl bis zum endgültigen Sieg am VE-Day noch viele Monate vergingen. Ebenso sei mit der Auferstehung Jesu Christi Gottes entscheidender Sieg bereits errungen worden, wiewohl dessen letztliche Vollendung erst infolge von Christi Wiederkunft sichtbar werde.
Dieses Bild wurde weltweit bekannt und gehört bis heute zu den meistzitierten Veranschaulichungen heilsgeschichtlichen Denkens.
IV. Forschung zum Neuen Testament
Cullmann veröffentlichte zahlreiche grundlegende Studien zum Neuen Testament. Zu seinen wichtigsten Themen gehörten:
- die Christologie;
- die Eschatologie;
- das Verhältnis von Israel und Kirche;
- Petrus und das Petrusamt;
- die johanneische Literatur;
- die frühchristliche Mission;
- Taufe und Abendmahl;
- die Geschichte Urgemeinde.
Cullmanns Arbeiten zeichnen sich durch sorgfältige Auswertung der Quellen und starke Orientierung am historischen Kontext aus. Dabei versuchte er stets, die Theologie des Neuen Testaments aus dem antiken jüdischen Hintergrund heraus zu verstehen.
V. Christus und Zeit
Besondere Bekanntheit erlangte Cullmann durch sein Werk „Christus und Zeit“ (Christ and Time, 1946). Darin beschreibt er die gesamte biblische Heilsgeschichte als zeitliche Linie mit klarem Zentrum:
- Weltschöpfung;
- Israels Geschichte;
- Christi erstes Kommen;
- Zeit der Kirche;
- Christi Wiederkunft;
- neue Schöpfung.
Nach Cullmann lebt die Kirche gegenwärtig in der Spannung zwischen Christi bereits errungenem Sieg und dessen zukünftiger Vollendung. Diese Sichtweise prägte die neutestamentliche Forschung über Jahrzehnte hinweg.
VI. Heil als Geschichte
Ein weiteres Schlüsselwerk ist „Heil als Geschichte“ (1965). Hier entfaltet Cullmann sein heilsgeschichtliches Programm umfassend und grenzt sich sowohl gegen rein existenzialistische Interpretation des Neuen Testaments als auch gegen ein ahistorisches Verständnis des christlichen Glaubens ab. Für Cullmann besitzt Gottes Offenbarung immer geschichtlichen Charakter.
VII. Verhältnis zu Bultmann
Ein wichtiger theologischer Gesprächspartner war Rudolf Bultmann (1884–1976). Während Letzterer das Neue Testament stark existenzialistisch interpretierte und die „Entmythologisierung“ betonte, hielt Cullmann an der grundlegenden Historizität der Heilsgeschichte fest. Beide schätzten einander wissenschaftlich, vertraten jedoch deutlich unterschiedliche hermeneutische Ansätze. Die Auseinandersetzung zwischen beiden gehört zu den prägenden Debatten der neutestamentlichen Forschung des 20. Jh.
VIII. Engagement für die Ökumene
Cullmann engagierte sich intensiv für die ökumenische Bewegung. Er nahm als offizieller protestantischer Beobachter am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) teil und stand in engem Austausch mit römisch-katholischen Theologen. Dabei blieb er seiner evangelischen Überzeugung treu.
Cullmann vertrat die Auffassung, dass echte Einheit nicht Uniformität bedeute. Verschiedene Konfessionen könnten unterschiedliche Gaben besitzen, die sich gegenseitig ergänzen. Dieses Modell bezeichnete er als Einheit durch Vielfalt. Seine ökumenischen Schriften fanden sowohl im Protestantismus als auch Katholizismus große Beachtung.
IX. Internationale Anerkennung
Cullmann erhielt zahlreiche Ehrendoktorwürden und wissenschaftliche Auszeichnungen, war Mitglied bedeutender wissenschaftlicher Akademien und galt über Jahrzehnte hinweg als einer der weltweit führenden Neutestamentler. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und beeinflussten Generationen von Theologen.
X. Wichtige Veröffentlichungen
Zu seinen bekanntesten Werken gehören:
- Christus und Zeit (1946);
- Petrus: Jünger, Apostel, Märtyrer (1952);
- Heil als Geschichte (1965);
- Das Gebet im Neuen Testament;
- Einheit durch Vielfalt;
- Der Staat im Neuen Testament;
- Die Christologie Neuen Testaments.
XI. Theologische Bedeutung
Cullmann gehört zu den wichtigsten Vertretern der sogenannten heilsgeschichtlichen Theologie. Seine Arbeiten beeinflussten zahlreiche spätere Exegeten und Systematiker. Besonders prägend waren seine Beiträge zur Eschatologie und neutestamentlichen Christologie sowie zum Verständnis der Heilsgeschichte als eines „roten Fadens“ der gesamten Bibel.
Auch dort, wo seine einzelnen Thesen kritisch diskutiert werden, bleibt sein grundlegender Impuls erhalten: Christlicher Glaube gründet in Gottes konkretem Handeln innerhalb Geschichte.
XII. Tod
Cullmann starb im Alter von 96 Jahren in Chamonix, Frankreich. Mit ihm verlor die neutestamentliche Wissenschaft einen Gelehrten, dessen Werk bis heute intensiv rezipiert wird. Seine Schriften gehören weiterhin zur Standardliteratur in Exegese, Kirchengeschichte und ökumenischer Theologie.