
Oscar Cullmanns „Heil als Geschichte“, erstmal 1965 (Tübingen: Mohr Siebeck) erschienen, gehört zu den theologischen Büchern, deren Grundgedanke zunächst einfach klingt und bei näherem Hinsehen weitreichende Folgen hat: Das Heil begegnet dem Menschen in einer von Gott gewirkten Geschichte. Der christliche Glaube richtet sich auf Ereignisse, die ihm vorausliegen. Er erzeugt seinen Gegenstand nicht selbst. Gottes Handeln an Israel, Jesu Leben und Wirken, das Kreuz und die Auferstehung, die Sendung des Geistes und die erwartete Vollendung bilden einen zusammenhängenden Weg.
Damit berührt Cullmann einen empfindlichen Punkt der modernen Theologie. Wo das Heil hauptsächlich als gegenwärtiges Selbstverständnis des Menschen ausgelegt wird, da verliert Gottes geschichtliche Handeln leicht sein eigenes Gewicht. Cullmann hält dagegen am „extra nos“ fest, am Heil außerhalb unserer selbst. Dieses Heil wird im Glauben zum „pro nobis“, doch es bleibt Gottes Tat. Der Glaube lebt von dem, was Gott getan hat. Er lebt nicht von seiner eigenen Intensität.
Cullmann entwickelte diesen Ansatz in der Auseinandersetzung mit Albert Schweitzer, Rudolf Bultmann und Charles Harold Dodd. Dabei führt er keine bloße Abwehrschlacht. Die Frage nach der gegenwärtigen Bedeutung des Evangeliums nimmt er ernst. Ebenso entschieden widerspricht er jedoch einer Auslegung, welche Jesu Kreuz, Auferstehung und Wiederkunft auf Aussagen über die menschliche Existenz reduziert. Das geschichtliche Geschehen und seine Bedeutung für den Glaubenden gehören für ihn zusammen. Heinrich Fries erkannte bereits in seiner zeitgenössischen Rezension, dass Cullmann dadurch falsche Alternativen überwindet: Das Heil außerhalb des Menschen schließt seine persönliche Bedeutung ein.
Im Zentrum dieser Geschichte steht Jesus Christus. Cullmann beschreibt die Bewegung der Heilsgeschichte zunächst als fortschreitende Konzentration. Der Weg führt von der Menschheit über Israel und den Rest Israels zu dem Einen. In Christus erreicht diese Linie ihren Mittelpunkt. Von ihm aus weitet sie sich wieder aus – über die Apostel und die Kirche hin zur erlösten Menschheit und schließlich zur erneuerten Schöpfung. Erwählung bedeutet in diesem Zusammenhang keine religiöse Bevorzugung. Sie dient der Stellvertretung und zielt auf andere. Cullmann gewinnt damit ein starkes Modell, das die Einheit der biblischen Geschichte sichtbar macht, ohne Christus zu einem bloßen Glied innerhalb einer langen Entwicklung herabzustufen. Er ist der Mittelpunkt, von dem her die Vergangenheit und die Zukunft ihren Sinn erhalten.
Besonders überzeugend ist Cullmanns Erklärung der neutestamentlichen Spannung zwischen „Schon“ und „Noch nicht“. Durch Jesu Auferstehung und die Geistsendung ist die kommende Welt bereits in die Gegenwart eingebrochen. Die finale Vollendung steht weiterhin aus. Die Kirche lebt deshalb weder in einer bloßen Erinnerung an Vergangenes noch in einer leeren Wartezeit. Sie lebt aus einem bereits errungenen Sieg und erwartet dessen öffentliche Vollendung.
Diese Sicht bewahrt die neutestamentliche Eschatologie vor zwei Verkürzungen. Eine ausschließlich gegenwärtige Eschatologie verschluckt Gottes wirkliche Zukunft. Eine ausschließlich zukünftige Eschatologie unterschätzt, was mit Christus bereits geschehen ist. Bei Cullmann begründet das erfüllte „Schon“ die Gewissheit des ausstehenden „Noch nicht“. Dadurch erhält die christliche Hoffnung ihren festen Grund.
Das Buch ist sorgfältig aufgebaut. Nach den begrifflichen und theologiegeschichtlichen Vorarbeiten beschreibt Cullmann die Merkmale der Heilsgeschichte. Im umfangreichsten Teil prüft er seinen Ansatz an unterschiedlichen neutestamentlichen Stimmen. Er beginnt bei Jesu Verkündigung, arbeitet sich zu Paulus vor und behandelt ausführlich das Johannesevangelium. Der letzte Teil fragt nach der nachbiblischen Zeit und dem Ort der Kirche innerhalb der weiterhin auf Gottes Vollendung zulaufenden Geschichte. Eine zeitgenössische Untersuchung würdigte das Werk deshalb als reichhaltige und ausgewogene Synthese von Heilsgeschichte und Eschatologie.
Cullmann nimmt die Unterschiede zwischen den neutestamentlichen Schriften wahr. Seine eigentliche Aufmerksamkeit gilt jedoch ihrer gemeinsamen Grundrichtung. Hier liegt die große Kraft des Buches, gelegentlich auch seine angreifbare Seite. Einzelne Texte fügen sich weniger reibungslos in die heilsgeschichtliche Gesamtlinie ein, als Cullmanns Darstellung vermuten lässt. Über manche exegetische Entscheidung wird man streiten müssen. Auch die damaligen Debatten um „Entmythologisierung“ und „Parusieverzögerung“ sind inzwischen selbst ein Stück Theologiegeschichte geworden.
Das macht das Buch keineswegs überholt. Viele neuere Entwürfe leiden an einer Zersplitterung, bei der zwar jede neutestamentliche Stimme ihre Eigenart behält, der Zusammenhang des biblischen Zeugnisses jedoch kaum noch erkennbar ist. Cullmann wagt die große Linie. Er liest das Neue Testament als Zeugnis von Gottes zusammenhängendem Handeln und zeigt zugleich, weshalb diese Geschichte die Existenz des Glaubenden in der Gegenwart bestimmt.
„Heil als Geschichte“ ist dicht geschrieben und verlangt Aufmerksamkeit. Wer sich darauf einlässt, der erhält weit mehr als eine Einführung in den Begriff der Heilsgeschichte. Cullmann bietet einen Gesamtentwurf der neutestamentlichen Theologie, der Christus ins Zentrum stellt, die geschichtliche Wirklichkeit des Heils verteidigt und der christlichen Hoffnung einen klaren Horizont gibt. Darin besteht auch die bleibende Stärke dieses Buches. Es erinnert die Theologie daran, dass der christliche Glaube auf Gottes Handeln antwortet und dieses Handeln auf eine wirkliche Vollendung zuläuft.