„Wer sollte sich da noch auskennen, wenn er Leute, die einen Gott Vater und einen Gott Sohn und einen Heiligen Geist bekennen und nachweisen, daß dieselben mächtig sind in der Einigung und verschieden in der Ordnung, als Atheisten verschreien hört? Doch bleibt der theologische Teil unserer Lehre nicht dabei stehen, sondern wir lehren auch eine Menge von Engeln und Dienern, welche Gott, der Schöpfer und Bildner der Welt, durch sein Wort verteilt und aufgestellt hat, damit sie über die Elemente und die Himmel, über die Welt, die Dinge in der Welt und deren Ordnung wachen.“
Quelle: Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Bd. 12, Kempten/München 1913, S. 27–28/285–286.Atheismus
Der Begriff „Atheismus“ bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch üblicherweise die bewusste Verneinung der Existenz übernatürlicher Mächte und grenzt sich damit von bloßer religiöser Indifferenz ab. In der Moderne ist er häufig mit einem rein naturalistischen Weltbild verbunden. Atheismus ist im Unterschied zum Agnostizismus nicht allein Zurückhaltung im Urteil hinsichtlich der Existenz Gottes, sondern die Überzeugung, dass es keinen Gott gebe oder alle Gottesvorstellungen menschliche Konstruktionen seien. Solche atheistischen Vorstellungen gab es auch in der Antike und verschiedentlich setzten sich frühchristliche Schriftsteller damit auseinander.
In der Antike fand der Begriff „Atheismus“ jedoch auch in einem breiteren Sinne Anwendung. Christen etwa wurden von heidnischen Zeitgenossen als „Atheisten“ bezeichnet, weil sie die in der griechisch-römischen Welt tradierten Götterkulte ablehnten. Da römische „Frömmigkeit“ wesentlich in kultischer Loyalität (dem im Imperium üblichen Pantheon und insbesondere dem Kaisertum gegenüber) bestand, galt die Absage an den Polytheismus als „Gottlosigkeit“ (Atheismus) und Gefährdung des Gefüges des Römischen Imperiums.
Der Vorwurf den Christen gegenüber, „Atheisten“ zu sein, zielte also im Wesentlichen auf Illoyalität gegenüber dem römischen Gemeinwesen. Gerade in dieser Verkehrung (die Verehrer des einen Gottes als „Gottlose“ zu bezeichnen) wird sichtbar, wie stark Religiosität in der griechisch-römischen Gesellschaft mit öffentlichem Kult und nicht primär mit innerer Überzeugung identifiziert wurde.
Demgegenüber bekannten sich die frühen Christen zu einem exklusiven Monotheismus: Nur der Gott Israels, der Vater Jesu Christi, ist der wahre Gott; die anderen „Götter“ sind bloß Menschenwerke oder Mächte, die nicht wie Gott kultisch oder anders verehrt werden dürfen. Diese Exklusivität bedeutete, dass Christen weder an öffentlichen Opfern teilnahmen noch den Kaiser kultisch verehrten. In einem Umfeld, das religiösen Pluralismus kannte, exklusive Wahrheitsansprüche jedoch als gesellschaftlich gefährlich einstufte, wirkte dieses Verhalten provozierend.
Apologeten der frühen Kirche greifen den Atheismusvorwurf auf und „drehen den Spieß um“: Sie bestreiten, „atheoi“ (gottlos) zu sein, weil sie an den höchsten, unsichtbaren und allein wahren Gott glauben, und erklären umgekehrt, dass die Verehrung von Statuen oder Mythengestalten in Wahrheit Gottlosigkeit sei – „gottlos“ sei nicht, wer sich dem Kaiserkult entzieht, sondern wer sich dem wahren Gott entzieht und vergänglichen Geschöpfen Ehre zukommen lässt, die allein dem ewigen Gott gebühre.
Christen waren für die antike Mehrheitsgesellschaft also „Atheisten“ gegenüber den vielen Göttern und dem Kultsystem, zugleich jedoch waren sie Theisten in einem radikal exklusiven Sinn. Der gleiche Begriff „Atheismus“ markiert daher einen Konflikt über die Anwendung des Gottesbegriffs zwischen einem religiös-pluralen sowie kultisch-politischen System einerseits und dem Glauben an den einen, unsichtbaren Gott andererseits, dem gegenüber die kultische Verehrung anderer Mächte als „Atheismus“ bezeichnet werden musste.
An Autolykus III 7
„Pythagoras […] bestimmt zuletzt die Natur (als höchstes) und behauptet die Zufälligkeit des Alls […]. Und alle die Aussprüche für den Atheismus ferner […]. Über Euhemerus, den ärgsten Atheisten, ist auch nur zu reden überflüssig. Denn […] er läßt die Welt vom Zufall regiert werden.“
Quelle: Drei Bücher des heiligen Theophilus, Bischofs von Antiochien, an Autolykus, übersetzt von J. Leitl, in: Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Bd. 14, 1913, S. 83.Wider die Heiden I 31
„[…] denn wir hören daß Viele, die sich dem Studium der Philosophie hingegeben, theils verleugnen, irgend eine göttliche Kraft existire, theils, ob eine sey, täglich fragen; daß Andere das Weltall durch Zufall und ungefähres Zusammentreffen entstehen und durch die Verschiedenheit der Umwälzung sich bilden lassen.“
Quelle: Des Afrikaner’s Arnobius sieben Bücher wider die Heiden, übersetzt von Franz Anton von Besnard, Landshut 1842, S. 37–38.