Die Biografie Jesu Christi finden wir in den Berichten der vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Diese Berichte, „Evangelien“1 genannt, sind Bestandteil des Neuen Testaments, des zweiten Hauptteils der Bibel – der heiligen Schrift der Christen. Diesen Evangelien können wir (unter Berücksichtigung weiterer historischer Quellen) Folgendes entnehmen:
Jesus wurde im Herbst des Jahres 2 vor der Zeitenwende in Bethlehem, Judäa, geboren,2 wuchs in Nazaret auf und begann im Herbst des Jahres 29 mit seinem öffentlichen Dienst. Er verkündigte Gottes Königsherrschaft. Wesentliche Elemente seiner Botschaft waren Gottes Liebe zu uns Menschen, die Vergebung unserer Schuld, die wir vor Gott haben und die uns von ihm trennt, und unsere Erlösung vom Todesgeschick. Jesus lehrte, nach welchen Prinzipien Gott regiert, und sagte allen, die an ihn glauben (d. h. ihm als Retter und Herrn vertrauen), das ewige Leben in Gottes kommender, neuer Welt zu.3
Während seines Dienstes wirkte Jesus viele Wunder. So heilte er etwa Menschen von Krankheiten, befreite sie von Dämonen (bösen Geistern) oder weckte sie von den Toten auf. Er versammelte eine Gruppe von Jüngern, „Apostel“4 genannt, um sich. Diese wurden von ihm gelehrt und ausgebildet.

In seinen Predigten beantwortete Jesus u. a. ethisch und moralisch relevante Fragen seiner Zuhörerschaft, wies so manche Ansicht des religiösen Establishments des jüdischen Volkes jener Zeit zurück und kritisierte insbesondere die Heuchelei und die Doppelmoral von Pharisäern und Sadduzäern, während er seine eigenen Jünger zu einem Leben in tatkräftiger Nächstenliebe aufrief.
Gegen Ende seines irdischen Dienstes reiste Jesus nach Jerusalem, wo er das jüdische Passafest mit seinen Aposteln feierte, in dessen Anschluss er das Abendmahl einsetzte – jenes Mahl von Brot und Wein, das seiner Weisung entsprechend auch heute noch von der christlichen Gemeinschaft weltweit immer wieder gefeiert wird (Eucharistie). Kurz darauf wurde er auf Betreiben der religiösen Elite verhaftet und vor Gericht gestellt. Seine Gegner hatten aus seinem Anspruch, Gottes Sohn zu sein, eine politische Intrige geflochten, was zu seiner Verurteilung durch die römische Obrigkeit führte – vertreten durch Pontius Pilatus, der in den Jahren 26 bis 36 Präfekt oder Statthalter von Judäa war. An einem Freitag im Frühling des Jahres 33, einem 14. Nisan nach jüdischem Kalender, wurde Jesus Christus außerhalb der Stadtmauern Jerusalems auf dem Hügel Golgota gekreuzigt5 und starb.
Die Evangelien berichten, dass Jesus am dritten Tag nach seiner Kreuzigung von den Toten auferstand (Mt 28,1–8; Mk 16,1–8; Lk 24,1–12). Im Verlauf von weiteren 40 Tagen erschien er wiederholt seinen Jüngern, und schließlich wurde er in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen (Apg 1,1–3) – er kehrte zu Gott, dem Vater, zurück, von dem aus er in die Welt gekommen war (Joh 6,62). In diesem Zusammenhang gab er seinen Jüngern den Auftrag, seine Botschaft in alle Welt hinauszutragen (Mt 28,19–20; Mk 16,15–16).
Diese Biografie ist sehr bedeutsam, weil der irdische Dienst und die Lehren Jesu Christi die Basis für den christlichen Glauben sind. Hinter dieser Biografie stehen gleich mehrere tiefe Wahrheiten:
Wir Christen sind überzeugt, dass Jesus Christus nicht einfach ein Mensch wie jeder andere war, sondern „der Sohn des lebendigen Gottes“ ist (Mt 16,16), der seine hohe Position im Himmel aufgegeben hatte, um menschliches Wesen, menschliche Natur, anzunehmen (Joh 1,11.14.18; Phil 2,6–8). Als Mensch lebte er unter uns und brachte für alle, die an ihn glauben, Versöhnung mit Gott (2Kor 5,19–20). Wer an ihn glaubt, wird durch den Tod, den Jesus am Kreuz starb, selbst vom Tod erlöst (Röm 3,23–26). Wer an Jesus glaubt, wird einmal selbst von den Toten auferweckt werden, um ewig in Gottes neuer Welt zu leben (Joh 5,24).
Als auferstandener Mensch ist Jesus Christus in die Herrlichkeit zu Gott, seinem Vater, zurückgekehrt (Phil 2,9–11). Wir Christen glauben, dass er das wahre Mensch- und das wahre Gottsein in sich vereinigt – er, Gottes Mensch gewordener Sohn, ist nun beides: wahrer Gott und wahrer Mensch. Darum kann allein er uns Menschen, die wir uns von Gott abgewandt haben, wieder mit Gott versöhnen (Kol 1,19–20; 1Tim 2,5). Apostel Petrus drückt es so aus, dass „in keinem anderen […] das Heil [ist]; denn uns Menschen ist kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen“, als allein der Name Jesu Christi (Apg 4,12).
- Von griechisch εὐαγγέλιον euangelion ‚frohe Botschaft‘.
- Unsere offizielle Zeitrechnung weicht geringfügig von der tatsächlichen, historischen Datierung ab, was dazu führt, dass Christi Geburtsjahr paradoxerweise „v. Chr.“ (vor Christus) liegt. Zu berücksichtigen ist auch, dass es, historisch gesehen, kein Jahr 0 gibt: Das Jahr 0, mit dem unser astronomischer Kalender rechnet, ist historisch das Jahr 1 nach Christi Geburt. Wenn Jesus Christus daher im Herbst des Jahres 2 vor der Zeitenwende geboren wurde und im Frühling des Jahres 33 starb, war er zum Zeitpunkt seines Todes 33½ Jahre alt.
- Gottes Herrschaft bricht in das Leben eines Menschen hinein, wenn dieser zum Glauben an Jesus kommt. Wenn Jesus einmal wiedergekommen sein wird, dann wird diese Herrschaft die ganze Welt umfassen und Gottes Reich an die Stelle aller anderen, menschlichen Reiche getreten sein.
- Von griechisch ἀπόστολος apostolos ‚Abgesandter‘.
- Eine römische Kreuzigung war mehr als eine Hinrichtung: Sie führte zu maximalem körperlichen Leiden und maximaler öffentlicher Demütigung des Delinquenten. Die Römer entwickelten das Verfahren als besonders grausame und entwürdigende Art der Tötung, wobei i. d. R. weitere Misshandlungen und Verspottungen hinzukamen. Der Verurteilte wurde, wie mit Jesus geschehen, nicht selten zunächst gegeißelt, um ihn körperlich zu schwächen und zusätzliche Leiden zu verursachen. (Das war eine äußerst brutale Form der Auspeitschung, die allein bereits zum Tod führen konnte, wenn die Anzahl der Schläge ein bestimmtes Maß überschritten.) Danach musste der Hinzurichtende üblicherweise den Querbalken (das sogenannte Patibulum) seines Kreuzes selbst zur Hinrichtungsstätte tragen, wo er dann entweder daran festgebunden oder, wie in Jesu Fall, festgenagelt wurde. Die Eisennägel wurden zwischen die Handwurzelknochen hindurchgeschlagen, woraufhin der Querbalken an einem bereits im Boden fixierten Pfahl mit Seilen hochgezogen wurde. Im Anschluss wurden die Füße des Verurteilten am Pfahl befestigt. Archäologische Funde von Überresten Gekreuzigter zeigen Nägel, die durch die Fersenknochen geschlagen wurden – in solchen Fällen waren die Füße seitlich am Stamm befestigt. Durch die Kombination des im Boden fixierten Stammes mit dem daran hochgezogenen Querbalken entstand die Form eines Kreuzes, daher die Bezeichnung „Kreuzigung“. Eine solche Hinrichtung führte zum langsamen Tod durch Ersticken, Blutverlust, Kreislaufversagen und Infektion; dieser Prozess konnte viele Stunden, bei weniger brutaler Behandlung (wenn etwa die Geißelung wegfiel oder der Hinzurichtende nicht festgenagelt, sondern nur festgebunden war) auch Tage dauern. Jesus hing etwa sechs Stunden am Kreuz, bis er starb.