
Unter „Chiliasmus“ (vom griechischen χίλια chilia ‚tausend‘) versteht man die Erwartung eines irdischen Friedensreiches Christi nach seiner Wiederkunft. Christus kehrt vor diesem Reich wieder, die Heiligen werden leiblich auferweckt und herrschen mit ihm. Erst danach folgen das Endgericht und die finale Vollendung. Rückblickend wird diese Abfolge heute meist als „Historischer Prämillennialismus“ bezeichnet. Ein geschlossenes Lehrsystem, wie es spätere prämillennialistische Modelle entwickelt haben, kannte die frühe Kirche allerdings noch nicht.
Den wichtigsten biblischen Ausgangspunkt bildete Offenbarung 20,1–6. Bereits der Barnabasbrief deutet die sechs Schöpfungstage typologisch auf sechs Jahrtausende Weltgeschichte und den siebten Tag auf die kommende Ruhe nach Christi Wiederkunft. Zu Beginn des 2. Jh. lehrte Papias nach dem Zeugnis des Eusebius ein tausendjähriges Reich, das nach der Auferstehung sichtbar auf der Erde errichtet werde. Eusebius selbst lehnte diese Auffassung später ausdrücklich ab. Sein Bericht belegt dennoch, dass eine solche Erwartung bereits früh vertreten wurde.
Um 160 bekannte Justin, dass er selbst und viele andere Christen mit einem tausendjährigen Reich im erneuerten Jerusalem nach der Auferstehung der Toten rechneten. Zugleich räumte er ein, dass zahlreiche rechtgläubige Christen diese Auffassung nicht teilten. Der Chiliasmus war demnach verbreitet und anerkannt, bildete aber kein allgemeines Kriterium der Rechtgläubigkeit.
Ihre ausführlichste Ausarbeitung fand diese Lehre bei Irenäus. In Gegen die Häresien V 32–36 verband er Christi Wiederkunft und die leibliche Auferstehung mit den alttestamentlichen Land- und Segensverheißungen sowie einem Reich der Gerechten auf der erneuerten Erde. Zugleich verteidigte er damit die Güte der Schöpfung gegen deren gnostische Abwertung. Auch im lateinischen Westen begegnet uns die chiliastische Erwartung: Tertullian rechnete ebenfalls mit einem tausendjährigen Reich, auf welches das Endgericht und die ewige Vollendung folgen sollten.
Im 3. Jh. blieb der Chiliasmus lebendig, stieß jedoch auf wachsenden Widerspruch. Dionysius von Alexandria wandte sich etwa gegen die chiliastische Auslegung des ägyptischen Bischofs Nepos. Das Quellenbild ist damit recht deutlich: Von einer einheitlich chiliastischen Urkirche kann ebenso wenig die Rede sein wie von einer bloßen Randerscheinung. Der Historische Prämillennialismus gehört vielmehr zu den ältesten und einflussreichsten eschatologischen Deutungen des frühen Christentums.