
Dieses Werk gehört zu den einflussreichsten liturgietheologischen Arbeiten des evangelischen Theologen und Exegeten Oscar Cullmann (1902–1999). Obgleich verhältnismäßig schmal, hat es die Diskussion über Wesen und Ursprung des christlichen Gottesdienstes nachhaltig geprägt. Die 1950 erschienene zweite Auflage besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil behandelt die Grundzüge des urchristlichen Gottesdienstes insgesamt, der zweite untersucht besonders das Johannesevangelium unter liturgischen Gesichtspunkten. Die englische Ausgabe (Early Christian Worship) enthält den ersten Teil sowie eine überarbeitete Fassung des zweiten Teils.
Die Grundthese des Buches lautet: Der christliche Gottesdienst entstand nicht allmählich aus verschiedenen gottesdienstlichen Formen, sondern besaß von Anbeginn eine erstaunlich geschlossene Gestalt. Mittelpunkt war stets die gegenwärtige Herrschaft des auferstandenen Christus. Cullmann entwickelt diese These Schritt für Schritt.
I. Ursprung des christlichen Gottesdienstes
Cullmann grenzt sich zunächst von der damals verbreiteten Vorstellung ab, der frühchristliche Gottesdienst sei lediglich eine Mischung aus Synagogengottesdienst und Tempelkult gewesen. Beides habe, so Cullmann, zwar wichtige Vorstufen geliefert, entscheidend sei jedoch ein neues heilsgeschichtliches Ereignis – die Auferstehung Jesu Christi.
Erst Ostern und Pfingsten schaffen den eigentlichen christlichen Gottesdienst. Darum besitzt der Gottesdienst seinen Mittelpunkt weder im Gesetz noch im Tempel noch in Israels Opferdienst, sondern in Christus selbst. Der Gottesdienst ist nach Cullmann immer Antwort auf das bereits geschehene Heilsereignis.
II. Einheit statt zweier Gottesdienstformen
Hier vertritt Cullmann seine vielleicht bekannteste These. Seinerzeit unterschied man häufig zwei verschiedene Versammlungen:
- Wortgottesdienst
- Abendmahlsgottesdienst
Cullmann hält diese Trennung historisch für unbegründet. Nach seiner Auffassung bilden bereits die neutestamentlichen Gemeinden eine einzige Feier, in der verschiedene Elemente miteinander verbunden sind:
- Schriftlesung
- Verkündigung
- Gebet
- Lobpreis
- Abendmahl
- Sammlung
- prophetische Beiträge
Justin beschreibt im 2. Jh. genau diese Form. Für Cullmann zeigt Justin keine spätere Entwicklung, sondern bewahrt die ursprüngliche apostolische Ordnung.
III. Bestandteile des Gottesdienstes
Cullmann untersucht anschließend sämtliche Elemente des neutestamentlichen Gottesdienstes. Dazu gehören insbesondere:
1. Schriftlesung
Sie knüpft an die Synagoge an. Jetzt wird jedoch das Alte Testament christologisch ausgelegt. Hinzu treten apostolische Schriften.
2. Verkündigung
Sie ist Fortsetzung des apostolischen Zeugnisses. Verkündigung bedeutet daher nicht bloße Belehrung, sondern gegenwärtiges Handeln Gottes.
3. Gebet
Gebetet wird durch Christus zum Vater. Das Gebet erhält dadurch eine neue heilsgeschichtliche Grundlage.
4. Lobpreis
Die Hymnen des Neuen Testaments (Philipper 2; Kolosser 1; Offenbarung usw.) zeigen nach Cullmann, dass Lobpreis von Anbeginn wesentlicher Bestandteil der Gemeindeversammlung war.
5. Prophetische Beiträge
Neben geordneten liturgischen Formen existiert Raum für spontane Geistesgaben. Beides schließt sich nicht gegenseitig aus.
6. Abendmahl
Dieses bildet den eigentlichen Höhepunkt der Versammlung. Dabei versteht Cullmann das Mahl weder rein symbolisch noch im Sinne eines späteren röm.-kath. Sakramentsverständnisses. Es ist reale Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus innerhalb der Heilsgeschichte.
IV. Ziel des Gottesdienstes
Der Gottesdienst dient nach Cullmann mehreren Zwecken gleichzeitig. Er ist
- Vergegenwärtigung von Gottes Heilshandeln,
- Gemeinschaft der Glaubenden,
- Erwartung von Christi Wiederkunft,
- Danksagung,
- Auferbauung der Gemeinde.
Bemerkenswert ist dabei Cullmanns starker heilsgeschichtlicher Ansatz. Fast jedes liturgische Element erhält seine Bedeutung aus Gottes Heilsgeschichte.
V. Zeit und Ort
Der Gottesdienst ist nicht an „heilige“ Orte gebunden. Die ersten Gemeinden versammeln sich überwiegend in Häusern. Ebenso verliert der Sabbat in seiner im nominellen Judentum üblichen Form seine zentrale Funktion. Die Gemeinde feiert den ersten Tag der Woche als Auferstehungstag Jesu Christi. Der Sonntag erhält seinen Sinn daher christologisch und nicht gesetzlich.
VI. Johannesevangelium und Gottesdienst
Der zweite Teil gehört zu den originellsten Abschnitten des Buches. Cullmann vertritt die These, dass zahlreiche Aussagen des Johannesevangeliums bewusst auf den Gottesdienst der frühen Kirche anspielen. Besonders betrifft dies:
- Kapitel 3 (Taufe)
- Kapitel 6 (Abendmahl)
- Kapitel 13 (Fußwaschung)
- Kapitel 20 (Gemeindeversammlung)
- Kapitel 21 (Mahlgemeinschaft)
Dabei möchte Johannes nach Cullmann keine eigentliche Sakramentslehre vermitteln. Vielmehr setzt er die liturgische Praxis seiner Gemeinden voraus und deutet sie christologisch. Die Sakramente erhalten ihre Bedeutung ausschließlich durch Christus.
VII. Methodischer Ansatz
Das ganze Buch ist von Cullmanns heilsgeschichtlichem Denken geprägt. Für ihn lebt die Kirche zwischen zwei Polen:
- Christus ist bereits gekommen.
- Seine Wiederkunft steht noch aus.
Der Gottesdienst befindet sich genau zwischen diesen beiden Ereignissen. Er erinnert an das vollbrachte Heil und richtet gleichzeitig den Blick auf dessen Vollendung. Diese Spannung des „Schon jetzt“ und „Noch nicht“ prägt nahezu jedes Kapitel.
VIII. Bedeutung des Buches
Das Werk war deshalb so einflussreich, weil Cullmann mehrere damals verbreitete Annahmen grundsätzlich infrage stellte. Er argumentierte insbesondere:
- Der urchristliche Gottesdienst war erstaunlich einheitlich.
- Wortverkündigung und Abendmahl gehörten ursprünglich zusammen.
- Der Gottesdienst ist konsequent christozentrisch.
- Liturgie entsteht aus Gottes Heilsgeschichte.
- Das Johannesevangelium enthält zahlreiche liturgische Bezüge.
Insbesondere die These der ursprünglichen Einheit von Wort und Mahl wurde später intensiv diskutiert und vielfach kritisiert. Viele Liturgiewissenschaftler nehmen heute an, dass es in den ersten Jahrzehnten durchaus unterschiedliche Gottesdienstformen gegeben haben könnte. Cullmanns heilsgeschichtliche Interpretation und seine Betonung der christologischen Mitte des Gottesdienstes werden dagegen bis heute als äußerst einflussreich angesehen.
Gerade im Blick auf ein Interesse an der frühen Kirche ist Cullmanns Buch besonders ergiebig. Es verbindet neutestamentliche Exegese mit frühesten außerbiblischen Zeugnissen, vor allem der Didache und Justin, um zu rekonstruieren, wie die Gemeinden der apostolischen Zeit ihren Gottesdienst verstanden und feierten.